Kritiken

Seit 1991 erschienen über 500 Kritiken zu Buchneuerscheinungen, obwohl der Kritiker selbst im Glashaus sitzt. Diese Texte sind gemeinhin von geringer Haltbarkeit und gehen zumeist verloren, was oft gut so, mitunter aber auch bedauerlich ist. Anlaß, in Kritiken der letzten 20 Jahre zurückzublättern.  


Das Ausrufezeichen der Nation
Wolf Biermann erzählt sein Leben

Das Ausrufezeichen hinter dem Buchtitel ist vielsagend. November 2016. Große Wolf-Biermann-Festspiele. Achtzigster Geburtstag. 544seitige Autobiographie. Lesungen und Konzerte in ausverkauften Theatern. Politiker aller Couleur flechten ihm Lorbeerkränze. Plötzlich hat es den Anschein, als würde der, der über Jahrzehnte als Spaltpilz für geteilte Meinung gesorgt hat, sich als Hefepilz mit eierkuchenartiger Friedfertigkeit in alle Himmelsrichtungen ausbreiten. Wer immer diese Rezension lesen wird, kann vermutlich Biermanns Lebensdaten singen. Nur so wenig: Biermann, Sohn kommunistischer Eltern, Vater Dagobert in Auschwitz vergast, wird von seiner Mutter Emma 1953 aus Hamburg in das Land der Verheißung, in die noch junge DDR delegiert. Nach Abitur und Studium intensiviert er auf Anregung von Hanns Eisler das Schreiben von Gedichten und Liedern. Aber die Texte sind so scharf, daß Veröffentlichungs- und Auftrittsverbote folgen. Fortan hat er seine kreativste Zeit. „Das macht mich populär“, „Bilanzballade im dreißigsten Jahr“, „Ermutigung“, „Ah-jaa!“, „In China hinter der Mauer“, „Stasi-Ballade“, „Enfant perdu“ und andere Glanzstücke jener Jahre sollen ihm nicht vergessen sein. Die damals Herrschenden fühlen die Grundfeste des Sozialismus wanken und entziehen dem Sänger nach seinem legendären Köln-Konzert am 13. November 1976 die DDR-Staatsbürgerschaft. Seiner Ausbürgerung folgen Proteste nie gesehenen Ausmaßes, viele Intellektuelle solidarisieren sich mit Biermann, nicht wenige verlassen in der Folge den Osten gen Westen. Wenn die Biographie bis dorthin gut lesbar ist, wird es danach einigermaßen ungemütlich. Namentlich listet Biermann auf, wer ihm in „finsteren Zeiten“ die Treue hielt, die Abspenstigen kriegen ihr Fett weg. Nicht auflisten kann er jene Treudummen, und das mögen hunderte gewesen sein, die seine Lieder überspielt auf Tonbänder, abgetippt auf dünnes Durchschlagpapier verbreitet haben, die in keiner Protestresolution auftauchen, weil sie entweder nicht prominent genug, schnell weg vom Fenster oder gar hinter Gittern waren. Und wenn Biermann den Fokus mehrmals auf Dresden richtet, indem er die Geschichten von Siegmar Faust und Volker Böricke erzählt, dann nur deshalb, weil er sich mit den zwei „Fällen“ schmücken, den Genannten dank seiner Prominenz helfen kann, Ereignisse von außerordentlicher Seltenheit. 
Je entfernter die DDR-Jahre und je näher 1989, umso mehr wurmt ihn, am politischen Niedergang nicht beteiligt zu sein. Auch wegen des ihm inzwischen entgegen gewachsenen Mißbehagens entwickelt sein Beleidigtsein leberwurstartige Zustände. Was ihm bleibt, ist eine Beobachterrolle am Rand. Zur Demonstration am 04. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz wird er zwar eingeladen, am Grenzübergang Friedrichstraße aber abgewiesen. Er sieht und hört die Reden am Fernseher. In völliger Verkennung der Bedeutung, seiner und des Ereignisses, regt ihn am meisten auf, daß nicht einer der Redner die Weggegangenen erwähnt. Aber am 04. November ging es nicht um sie, sondern um die Dagebliebenen. Völlig richtig konstatiert er: „Ich gehörte nicht mehr dazu.“ Dafür darf er am 01. Dezember 1989 offiziell in die DDR „einreisen“ und bei einem Konzert in Leipzig gegen die „verdorbenen Greise“ vom Leder ziehen. Aber daß er 27./28. Januar 1990 zwei Konzerte im Physikhörsaal der TU Dresden gab, erwähnt er nicht. Vielleicht sind ihm, der heute alles andere als politisch „links“ steht, die damaligen Umstände peinlich? Lag doch die Organisation in den Händen der „Vereinigten Linken“ und die Einnahmen kamen ihren Aktivitäten zugute. Schließlich gehört Biermann im September 1990 zu den Besetzern der Berliner Stasi-Zentrale und sieht als einer der Ersten in seine Akten. Jetzt erst ist er wirklich in seinem Element und singt eine Stasi-Ballade nach der anderen. Über fünfzig Ordner mit zwanzigtausend Blatt sind zu sichten. Siebzig Spitzel zählt er, später wird ihm von der zuständigen Behörde bestätigt, daß „weit über zweihundert Spitzel“ über ihn berichtet haben. Immerhin gehört jenen, die, wie er selbst, einer Anwerbung durch die Staatssicherheit widerstanden oder die nach einer Verpflichtungserklärung wieder ausstiegen, seine Wertschätzung. Bloß brauchen sie diese?
Diese Autobiographie über ein Leben, das um vielerlei „runde Ecken“ lief, liest sich flott, weil sie gut geschrieben ist. Abstriche: Zu oft wird wiederholt, daß er „nicht zu weit, sondern viel zu weit zu weit“ gegangen sei. Zu viele Superlative in eigener Sache. Zu oft Herabwürdigungen. Stefan Heym ist „etwas mutig und viel zu feige“. Die Friedensbewegung ist „Friedenspack“. Hans-Christian Ströbele wird zum „grüngetünchten Tartuffe“. Adolf Endler schreibt „Blödel-Lyrik“. Karl Mickel ist ein  „Kraft-durch-Schwäche-Poet und Zwergenriese“. Und Sascha Anderson ist sowieso ein „Arschloch“. In den letzten dreißig Jahren sind Biermann vielzählige Ehrungen zuteil geworden. Die literarischen stehen ihm gut zu Gesicht, die politischen hätte er in seinem früheren Leben mit Hohn zurückgewiesen. Schon 1965 dichtete Biermann: „Küßt mich, bestecht mich, liebt mich heiß/Greift tief in eure Tasche/Gebt mir den Nationalpreis – und/Versteht sich: Erster Klasse!“ Diese frech-ironische Forderung geht 1998 in Erfüllung, er bekommt den „Deutschen Nationalpreis“.  Dieser Mann ist ein einziges Ausrufezeichen, das vor uns steht wie ein belehrender Zeigefinger, seinem wichtigstes Instrument, abgesehen von der Gitarre, dem besten Stück.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin 02/2017)


Alltagsnotizen als Lebensroman
Karl-Markus Gauß kultiviert das Genre des Journals

Seit Jahren versucht Karl-Markus Gauß, 1954 in Salzburg geboren, den über ihn angelegten Wikipedia-Eintrag, der ihn „als publizistischen Herold der europäischen Ost-Erweiterung rühmt“, zu korrigieren. Er sieht sich als „verdienstvollen Vermittler der osteuropäischen Literatur überschätzt“. Vergebens. Der „Lexikon-Artikel zeigt sich beharrlich resistent“. Es darf vermutet werden, daß der Autor einiges dafür getan hat, diesen Eindruck entstehen zu lassen. Mehrfach suchte er die "sterbenden" Europäer auch im Osten auf, schrieb über die "Hundeesser von Svinia", berichtete von der menschenunwürdigen Existenz osteuropäischer Sinti und Roma. Zudem ist er seit 1991 Herausgeber und Chefredakteur der im Salzburger Otto Müller Verlag erscheinenden Zeitschrift „Literatur und Kritik“, die bekanntermaßen so manchen literarischen Schatz mit Blick über den östlichen Tellerrand Österreichs gehoben hat. Andererseits wissen seine Leser längst um die Vielseitigkeit von Karl-Markus Gauß. Sein Name steht vor allem für exzellente Essayistik und Kritik, mittlerweile hat er es in 30 Jahren auf etwa 2000 Artikel u.a. in "Die Zeit", "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Neue Zürcher Zeitung" gebracht. Aber das von ihm bevorzugte Genre ist das „Journal“, weder Tagebuch noch Chronik, vielmehr über ein oder zwei Jahre gesammelte Skizzen, Anekdoten, Lektürefrüchte, Begegnungen und Begebenheiten; Jahresbilanzen vom „Alltag der Welt“, wie er folgerichtig sein jüngstes Journal nennt, Notizen, die sich zum Lebensroman ausweiten. Gauß berichtet nicht chronologisch, weil ihm dieser Rahmen zu eng wäre, sich „Erfahrungen und Erinnerungen“ in die Aufzeichnungen drängen, die „zwanzig oder fünfzig Jahre“ zurückreichen. Vielmehr zielt er auf Themenkomplexe, die es annähernd vermögen, seine Gedankenprosa zu bündeln.
Zwischenüberschriften besagen, es geht u.a. um „Himmel und Hölle in der Literatur“, „Die Aura der Fälschung“ und „Die ungeschriebenen Bücher“. Erzählt wird über Peter Mitterhofer, der 1866 im Südtiroler Partschins die Schreibmaschine erfand, aber als deren Erfinder gilt ein Amerikaner, weil Mitterhofer von Kaiser Franz Joseph verlacht und abgewiesen wurde. Von einem 84jährigen wird erzählt, der, um sein unveröffentlichtes, schriftstellerisches Lebenswerk, „37 Kilogramm Papier“, vergessen zu können, es Gauß überläßt. Das gemeinsame Essen mit Georg Kreisler nimmt einen katastrophalen Ausgang. Auch der sechs Geliebten von Hermann Broch wird gedacht. Überhaupt gehört Büchern und ihren Autoren die Hauptrolle. Es ist erhellend und unterhaltsam, wie Gauß Leben und Werk bekannter (z.B. Stefan Zweig, Ingeborg Bachmann, Konstantinos Kavafis) oder weniger bekannter Schriftsteller (z.B. Memo Anjel, Juan Goytsolo, Sait Faik) beleuchtet.
Das Journal beginnt Mai 2011, als dem Autor ein Orthopäd verkündet, daß er infolge Halsstarrigkeit fortan nur noch „nach vorne blicken“ wird. Geschlossen wird es Mai 2013, der Autor löscht im E-Mail-Eingang 157 von ihm noch nicht beantwortete Nachrichten und fragt sich: „Was ist das für ein Buch, mit dem ich fast zu Ende gekommen bin?“ Frei nach Kafka gibt er sich die Antwort selbst: „Ich schreibe, um mir etwas von der Welt ins Ich zu bergen und etwas von mir in die Welt zu retten.“ Dann fragt er: „Warum aber schreibt man?“, und antwortet: „Ich weiß es nicht.“ Wir Leser aber wissen, warum Gauß schreibt, nämlich um uns am Alltag seiner Welt teilhaben zu lassen. Es darf resümiert werden, einmal mehr ist das dem Salzburger Gauß prächtig gelungen.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin“ 05/2016)


Der gelehrte Dichter als Kind
Durs Grünbein schreibt sich seine Erinnerungen von der Seele

Jetzt, da auch der Dresdner Dichter Durs Grünbein auf die Sechzig zugeht, gönnt er sich einen langen Blick zurück in die Kindheit. Vierhundert Seiten Prosa, das kann einem, der einst als Lyriker angetreten war, wie eine Himalayaüberquerung vorkommen. Nicht so für Grünbein, der es schon vermochte, Gedichtbände zu Achttausendern aufzutürmen. Was der Dichter über seine jungen Jahre zu berichten weiß, unterscheidet sich wenig von dem, was Altersgenossen berichten könnten. Also kommt es wohl mehr auf das „Wie“ an. Schon der Waschzettel betont das kaleidoskopartige, nicht chronologische Erzählen, das sich aus Erinnerungssplittern, Geschichten, Anekdoten, Gedichten zusammensetzt und der Dichter liefert selbst eine Erklärung, was ihn daran fasziniert, wenn er in ein Kaleidoskop schaut: „Da unten lagen sie, zerscherbt, die wunderbaren Himmel der Kindheit“. Aufgewachsen über einem Fischladen in „Frosch-Cotte“, später in einem Häuschen der Gartenstadt Hellerau, herumgetollt in abenteuerlicher Heller-Wüstenei, geschult in „polytechnischer Lehranstalt“ und EOS „Romain Rolland“, diese Stationen werden akribisch abgeschritten. Weil aber einzig und allein das Aufwärmen von Dummejungenstreichen zu eintönig wäre, erzählt Grünbein auch von seinen Großvätern, führt haarklein die Topographie Helleraus vor, sinniert über Sinn und Unsinn der Lebensreformbewegung und widmet sich ausführlich den kurzzeitigen Hellerau-Bewohnern Franz Kafka und Paul Adler. Einige Hinweise verraten den  verkaufsorientierten Blick auf den westdeutschen Leser; dem Begriff „Kosmonaut“ folgt in Klammer die Erläuterung: „man gebrauchte damals den offiziellen sowjetischen Ausdruck, Astronauten waren nur Amerikaner“. Einerseits die „wunderbaren Himmel der Kindheit“, andererseits wird die Kindheit als „das Erbärmliche“ apostrophiert. Waren das wirklich „Jahre im Zoo“? Will man dem Autor und seinen scharfrichterlichen Bemerkungen Glauben schenken, muß es wohl so gewesen sein. „Das kleine Land, in dem das sächsische Traumverlies lag, erwies sich bald insgesamt als einziges Lager“. Das Land war „neurotisch“, sein Himmel „volkseigen“. „Wir“ galten allesamt „als Käfiginsassen des isolierten Betontierparks“, als „Eingeborene des sozialistischen Biedermeiers“. Bei aller Detailverliebtheit unterlaufen dem geborenen Dresdner und gelernten DDR-Bürger eklatante Irrtümer. Sommerschulferien waren niemals im Juni. Karl May hat nicht in der „Villa Bärenfett“ gewohnt, das Blockhaus wurde 1926 erbaut, May aber starb 1912. Mays „Villa Shatterhand“ konnte das Grünbein-Kind nicht besuchen, erst ab 1985 wurde sie Museum und erst 1995 kamen Bibliothek und Schreibtisch von „Old Charlie“ nach Radebeul zurück. Die Filme „Quo vadis“ und „Ben Hur“ wurden in DDR-Kinos nicht gezeigt, weder in „Schauburg“ noch „Kulturhaus Hellerau“. Am Brunnen „Stürmische Wogen“ konnte der Grünbein-Schüler nicht vorübergehen, weil dieser erst 1993 dem „Platz der Einheit“ zurückgegeben wurde. Trotzdem werden die Dresdner von Grünbeins autobiografischen Berichten entzückt sein, weil die Dresdner von allem entzückt sind, worin sich ihr „schönes Dresden“ spiegelt. Was wundert, daß Grünbein bewußt oder unbewußt gerade jene „dräsdnerische“ Eigenheit bedient, die er bei anderer Gelegenheit schon vehement kritisiert hat, nämlich eine zumeist rückwärts gewandte Selbstgefälligkeit.
„Einmal die Kindheit aufzuschreiben, das hatte ich mir lange vorgenommen.“ Das hat Durs Grünbein jetzt verwirklicht. Und daß auch er nicht als Professor auf diese Welt kam, einstmals kurze Hosen trug, Indianer spielte, ihn die Nachricht von John Lennons Tod zwang, erwachsen zu werden, daß er nicht loskommt von dieser „unfreundlichen Welt“ und sie über weite Strecken klug, nachdenklich und unterhaltsam zu schildern vermag, versöhnt dann doch mit einigen heiklen Passagen und mit den Abbildungen, die bis zur Unkenntlichkeit lachhaft klein sind.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin“ 02/2016)


„Rollenmodell eines Dichters“
Uwe Kolbe demontiert Bertolt Brecht

Daß Uwe Kolbe, nächstes Jahr 60, nicht nur als der hineingeborene Lyriker schlechthin, sondern auch als stilistisch vorzüglicher Essayist gilt, bestätigte 2012 die Berliner Akademie der Künste, als sie ihm ihren Preis für Essayistik, den Heinrich-Mann-Preis, verlieh. Jetzt arbeitet sich Kolbe an Bertolt Brecht ab, analysiert seine politische Wirkung, interpretiert Gedichte und Poetik, begibt sich in ein fiktives Gespräch. „Diese Rede ist die ... eines von Brecht Betroffenen.“ Obwohl der so betroffene Kolbe provokant und unkonventionell wie beinahe immer ist, bleibt er nicht selten unter seinem Niveau. Verbalattacken und Vokabular lassen mitunter aufhorchen, haben einen merkwürdigen Beigeschmack. Da heißt es, Brecht sei „ein Lügner, er „saß in der Falle der Ideologie“, habe Einverständnis geheuchelt, um seine Vorstellungen von einem neuen Theater umsetzen zu können. Auf die Frage, ob die DDR auch ohne Brecht 40 Jahre Bestand gehabt hätte, lautet Kolbes Antwort auf einen einfachen Nenner gebracht: Vor allem oder gar einzig und allein Brecht habe mit seinem politischen Bekenntnis zur DDR als Legitimation für die „ostdeutsche Intelligenzija“ und ihren nahezu blinden Durchhaltewillen gegolten, was heißt, ohne Brecht wäre die DDR wesentlich eher zusammengekracht. Entsprechend abfällig äußert sich Kolbe, wenn er auf die von ihm ausgewählten Brecht-Epigonen zu sprechen kommt. Zu Volker Braun: „mit seiner gehobenen Sklavensprache“. Zu Wolf Biermann: „Sie, großer Wolf mit dem Proletkult-Schnauzbart, haben noch immer eine Hintertür in Ihrem Bühnengebiss“. Zu Heiner Müller: „... der Ex-Hitlerjunge“. Zu Thomas Brasch: „Die mit der Dichterhaltung nach Brechts Art jedenfalls begaben sich nicht wirklich in Gefahr und sie lebten oder leben gut bis ans Ende ihrer Tage.“ Teile des Kolbe-Textes erwecken den Anschein, als träte hier einer kräftig nach, der der Propaganda um Brecht auf den Leim gegangen ist und den auch bißchen der Neid zwickt, weil Texte der „Brecht-Epigonen“ bekannter geworden sind als seine eigenen. Auf den Stacheldraht der Berliner Mauer bezogen, bekennt der Essayist mit dem Griff an die eigene Nase: „selbst dieser nach-nachgeborene Kolbe noch, der klimperte irgendwie auf dem Draht und fand sein Schlupfloch“. Nach angestrengtem „Durchhaltewillen“ verlegte Kolbe 1988 seinen Wohnort von Berlin nach Hamburg. Bereits ein Jahr später folgte ihm die ganze DDR nach. Hätte Uwe Kolbe die Annahme des erwähnten Heinrich-Mann-Preises verweigern müssen? Immerhin stellt ihn dieser in eine Reihe mit Vorgängern wie Dieter Noll und Hermann Kant sowie mit Heiner Müller und Volker Braun, von denen er sich in seinem Brecht-Essay mit Schaum vor dem Mund distanziert. Was bleibt? Ein Groß-Essay, der zur Widerrede herausfordert, der mit Sätzen gespickt ist, die, wer ihnen zu nahe tritt, reagieren, wie ein im Wald zertretener Bovist.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin“ 11/2015)


Roman oder Zitatensammlung?
Der Deutsch-Iraner Navid Kermani läßt den Leser daran teilhaben, wie er schreibt

Ein Schriftsteller signiert nach einer Lesung in einem Provinznest seine Bücher. Eine Frau sagt zu ihm: „Aber nicht für Jutta.“ Als er aufschaut, erkennt er in ihr eine Schulfreundin wieder, die er vor dreißig Jahren eine Woche geliebt und seither nicht mehr gesehen hat. So simpel beginnt der neue Roman von Navid Kermani, der geraume Zeit en vogue ist. 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren, studierte er Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaft und lebt heute als Journalist und Schriftsteller in Köln. Für seine Reportagen und Bücher wurde er vielfach geehrt; darunter Hannah-Arendt-Preis, Kleist-Preis, Joseph-Breitbach-Preis. Viel Beachtung fanden Kermanis Worte vor allem bei seiner 2014er Festrede im Deutschen Bundestag sowie bei der Dankrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2015. Seither gilt Kermani in deutscher Öffentlichkeit als streitbarer Intellektueller und jüngst sogar als denkbarer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Ein Schriftsteller als Staatsdiener? Warum nicht. Pablo Neruda war Präsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei Chiles. Mario Vargas Llosa wollte Präsident in Peru werden. Václav Havel war Präsident von Tschechien.
Auch wenn der Schriftsteller im Kermani-Buch keine Berühmtheit ist, haben der echte und der erfundene Autor ihre Gemeinsamkeiten. Die wichtigsten dürften der muslimische Hintergrund und ein etwas diffuses Interesse an Grenzerfahrungen sein. Entsprechend grenzwertig gestaltet sich, was der zufälligen Begegnung von Ich-Erzähler und Jugendliebe folgt. Jutta, die er nur im Roman so nennt, ist Ärztin geworden, verheiratet, Mutter dreier Kinder, Tantra-Lehrerin und Bürgermeisterin des Provinzstädtchens. Sie nimmt ihn mit in ihr Haus. Oben schlafen die Kinder, ihr Mann sitzt im Arbeitszimmer an seinen Abrechnungen. Also wird aus dem erhofften Techtelmechtel nichts. Statt dessen wird bis zum Morgengrauen geredet. Immer wieder Juttas Bücherregal inspizierend, versucht Kermanis Protagonist anhand der französischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts den Wert von Liebe, Ehe und Sexualität zu klären. Dabei geht es derart theoretisch zu, daß der im Buch mehrfach vorkommende „CD-Ständer“ beinahe pornographisch wirkt. Seitenlang gibt es Zitate von Proust, Balzac, Maupassant, Flaubert, Stendhal. Auch ein Verweis auf Michel Houellebecqs jüngstes Buch „Unterwerfung“ darf nicht fehlen, vermutlich, weil darin ein Muslim zum französischen Präsidenten gewählt wird. Sogar Adorno und Heidegger werden bemüht, die seit den 1968ern kaum noch zitiert werden. Neben dem Nachdenken über das zu schreibende Buch wendet sich der erfundene Schriftsteller immer wieder an Leser und Lektor, mutmaßend, ihnen könnte die Textkonstruktion mißfallen. Einmal läßt er den Lektor bei der Lektüre des Manuskripts stöhnen: „So eine apologetische Scheiße ist mir schon lange nicht mehr untergekommen“. Kein Kommentar. Wie es begonnen hat, endet das Buch: Simpel. Nachdem der Schriftsteller auf dem Klo im Jutta-Haus über das Pinkeln im Stehen und Sitzen sinniert hat, nicht ohne auch dort zu Proust abzuschweifen, fragt er sich: „Träum ich noch oder bin ich wach?“ Das fragt sich wohl auch mancher Leser, erstaunt, daß solch ein Buch möglich ist, in dem ihm irgendetwas fehlt, bis er versteht, dieses Etwas ist der Roman.
(Erschienen in: „Sächsische Zeitung“ 12./13.11.2016)


Der „verluderte Staat“
Max Frisch rechnet noch einmal mit der Schweiz ab

Dies ist ein bemerkenswertes Buch, Leser, es beginnt mit einer Einleitung und endet mit Anmerkungen, Faksimile, Nachwort. Dazwischen klemmt ein sechsundzwanzigseitiges Typoskript von Max Frisch (1911-1991), an dem der bekannte Schweizer Autor kurz vor seinem Tod gearbeitet hat. Genügt das, um daraus ein Buch entstehen zu lassen? Wir fragen. Zumal ein Buch, das Frisch weder als abgeschlossen noch für gelungen angesehen hat und das er deshalb nicht veröffentlicht wissen wollte.
Ende 1989 wird die Schweiz von der „Fichen-Affäre“ unliebsam aus der Saubermann-Idylle gerissen. Bei einer parlamentarischen Untersuchung kommt ans Licht, daß der Schweizer Staatsschutz seit 1900 eine große Zahl von „Eidgenossen“ überwacht und etwa 900.000 „Fichen“ angelegt hat, ein Begriff, der aus dem Französischen kommt und so viel wie „Karteikarte“ bedeutet. Auch Max Frisch gehörte zu jenen, vor denen sich der Staat meinte durch Bespitzelung schützen zu müssen. Als ihm die dreizehn Karten Anfang August 1990 mit der Post zugingen, war der sterbenskranke Frisch entsetzt. Seit zweiundvierzig Jahren hat er unter Beobachtung gestanden. Umgehend zerpflückt er die über ihn gesammelten Einträge. Jede einzeln datierte Notiz schneidet er von der „Fiche“ ab, klebt den so gewonnenen Schriftstreifen auf einen Bogen Papier, spannt diesen in die Schreibmaschine und tippt unter den „Fichen“-Auszug mit allem ihm zur Verfügung stehenden Sarkasmus seinen Kommentar. Schon beim Personalbogen korrigiert er Ungereimtheiten. „Die erste Zeile ist korrekt:/- Name: Frisch./Die zweite Zeile liederlich:/- Vorname: Max/Im Pass heisst es Max Rudolf./- Heimat: Zürich/Zürich ist mein Geburtsort.“ Die Überwachung beginnt mit einer Notiz vom 27.8.48, Frisch sei nach Polen gereist „zur Teilnahme am Weltkongress der Intellektuellen für die Sache des Friedens“. Frisch kommentiert: „Das ist korrekt, und wie erwartet: die Eröffnung meiner Fiche bei der Bundespolizei.“ Der letzte Eintrag stammt vom 12.1.1990 über den voraussichtlichen Besuch eines Herrn Schumann aus der DDR-Botschaft in Bern. Frisch: „Der angesagte Besuch im Januar hat nicht stattgefunden.“ Um die Informanten nicht preiszugeben, wurden Textteile der Karten vom Staatsschutz geschwärzt. Frisch: „Was … mit Schwarzen Balken verdeckt wird, das stimmt sicher: Wie jedes Staatsgeheimnis.“ Dazwischen viel Unschärfe. Das Leben auf ein Dutzend Karten reduziert. Weltgeltung und Bedeutung als Autor spielen keine Rolle. Was die Beamten zusammengeschrieben haben, verletzt den Autor zutiefst, „ist oft belanglos oder falsch oder läppisch, gelegentlich auch infam durch Vereinfachung.“ Nicht die Karten kennzeichnen den Staatsschutz, sondern Ignoranz, mit dem Ergebnis: „Kein Eintrag … verweist auf eine verfassungswidrige Handlung.“ Auf acht Seiten ergänzt Frisch, „was in meiner Fiche nicht vermerkt ist“. Darunter enge Beziehung zu Brecht, kritisches Verhältnis zu Kissinger, Gespräche mit Christa Wolf, Besuche „drüben in DDR-Berlin“, Anrufe aus Moskau und: „Nicht vermerkt: - Trinkt abends Barolo oder Merlot.“
Das Verhältnis des Autors Frisch zum Land seiner Geburt ist lange Zeit ein schwieriges gewesen. In seinem Werk hat er sich intensiv und kritisch mit der „Schweiz als Heimat“ auseinander gesetzt. Zum Schluß nur noch Bitterkeit. In einem Offenen Brief von März 1991 nennt Frisch die Schweiz einen „verluderten Staat … und was mich mit diesem Staat heute noch verbindet: ein Reisepass (den ich nicht mehr brauchen werde.)“ Im April stirbt er.
Ein weiteres Buch aus dem Nachlaß von Frisch liegt vor, die Edition ist vorbildlich. Das ja. Aber kein Ersatz dafür, worauf der Leser eigentlich wartet, nämlich auf unzensierte Ausgaben seines Tagebuchs „Berliner Journal“ und seines Briefwechsels mit Ingeborg Bachmann.
(Erschienen in: „Sächsische Zeitung“ 11.12.2015)



Skurril bis melancholisch
Neue Gedichte von Kito Lorenc

Seit 2011 gibt es die "Reihe Neue Lyrik". Dieses lobenswerte Unternehmen wird gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und im Leipziger Verlag "poetenladen" zu feinen Hardcoverausgaben veredelt. Jedes Jahr erscheinen zwei Bände. Zum unumstößlichen Prinzip gehört, die Autoren müssen Sachsen oder mit dem Bundesland durch Geburt, respektive langanhaltende Aufenthalte eng verbunden sein. Eine weitere Regel ist, daß sich im Editionsplan lyrischer Debütant und "gestandener" Poet jeweils abwechseln. Beim Debüt läßt sich schlecht mauscheln, vor einem ersten Buch gibt es kein noch "ersteres". Aber was und wer ist "gestanden"? Vielleicht Kerstin Hensel? Als sich ihr Titel "Das gefallene Fest" 2012 in die Reihe einfügte, konnte sie immerhin dutzendweise Publikationen vorweisen und somit als hinlänglich bekannte Autorin gelten. Aber die "gestandenen" Reihenautoren Anne Dorn, Uwe Hübner und Roland Erb dürften den meisten Lesern wie Debütanten vorgekommen sein. Gleichwie. Jetzt endlich mit Band 8 gelingt den Herausgebern ein wirklicher Coup, erscheint mit Kito Lorenc ein wirklich großartiger Dichter, der hierzulande nicht einmal mehr vorgestellt werden muß. Auch wenn er 1938 als Christoph Lorenz in Slepo geboren wurde und sich seit Jahrzehnten in Wuježk am Fuß vom Čornobóh versteckt, wurde er jüngst als Kito Lorenc mit Sachsens Lessingpreis, Ehrendoktorwürde der TU Dresden, Schlüssel von Smedereva, Petrarca-Preis, dem 75. Geburtstag und dank Fürsprache von Peter Handke mit einer Gedichtauswahl in der Bibliothek Suhrkamp geehrt. Gleich ob er obersorbisch oder niedersorbisch, wendisch oder sächsisch dichtet, zum Glück bewegt er sich nicht in Richtung "Heimatdichter", vielmehr kreiert er eine Art Lausitzer Dadaismus mit gelegentlichem Hang zur Konkreten Poesie. Schon das dem Band vorangestellte Motto gerät zum poetologischen Glaubensbekenntnis: "Das Leben zwischen Eros und Erosion nutzen für Gedichte, die auf Potjomkinsche Städte und Böhmische Dörfer wirken müssen wie Wind, Wasser, Eis: abträglich". Deutlicher wird Kito Lorenc in seinem Statement "statt eines Vorworts". Am Beispiel seines Dreizeilers "Schlawakischer Zipfel" mahnt er den korrekten Umgang mit slawischen Sprachen in Aussprache und Schriftbild an, zugleich wissend, daß das trotz eines sorbischen Ministerpräsidenten nicht zu gewärtigen sein wird. Dann ruft er sich selbst zu: "Du aber schreibe nicht mehr/als dir einfällt" und reiht eine Gedichtperle an die andere. Was Kito Lorenc zu Versen werden läßt, ist derart gegen den Strich gekämmt, daß "Blaubeerkämme erblauen,/
Läusekämme vergrauen". Von skurril bis melancholisch spannt sich die Weite über neunzig Gedichtseiten, bis der Dichter mit zwinkerndem Ernst und grauem Star seine "Meise" begrüßt, die an die "Scheibe" pickt: "wo warst du so lange/dass du jetzt erst dich zeigst/Oder war ich selber/dauernd weg vom Fenster?" Auch die eingestreuten "Schmungks", was "Schmadderunks" sind, sächsisch ist, Zusammengekochtes, also Aphorismen sowie allerlei Fundstücke meint, erweisen sich als Glanzpunkte und zeigen, um welche Ecken ein Dichter denken kann. Beispiel? "Kein Kunststück. Der Welt untern Rock sehen, wenn sie kopfsteht." Und noch eins? "Tusch. Nehmen Sie die Sixtinische Kapelle, nie wird sie einen ordentlichen Tusch blasen." Wer tatsächlich gedacht hat, Kito Lorenc sei längst "weg vom Fenster", sieht sich auf das herrlichste getäuscht.
(Erschienen in: „Sächsische Zeitung“ 06./07.06.2015)


Tante als Biest
Ausnahmeautor van der Heijden liefert weiteres Stück seiner „zahnlosen Zeit“

Da ist er wieder, der Kraftprotz niederländischer Literatur, der Mann mit den drei Vornamen, der die Zeit für uns gedehnt und hunderte Seiten gefüllt hat. Eine kleine Weile war es um den 1951 in Geldrop geborenen Adrianus van der Heijden still geworden. 2010 verunglückte sein Sohn nach einem Verkehrsunfall tödlich. Ein Jahr später erschien mit „Tonio – Ein Requiemroman“ eine sechshundertseitige Trauerarbeit, die das Unbegreifliche dokumentiert. Man hätte meinen können, das Unglück würde dem Autor eine Schreibblockade, wenn nicht gar das Aus bescheren. Weit gefehlt. Mit Wucht kehrt van der Heijden zurück, fügt seinem legendären Romanzyklus „Die zahnlose Zeit“, der bereits für abgeschlossen galt, einen neuen Teil hinzu. Albert Egberts, bekannt aus „Fallende Eltern“ und „Das Gefahrendreieck“, erzählt aus dem Leben der von ihm inzestuös vergötterten Tante Martina van der Serckt, der deutlich jüngeren Schwester seiner Mutter. Zumeist wird sie Tante Tiny, Tien, Tineke und hinter ihrem Rücken „Tientje Putz“ genannt, denn ihr ist ein Putzfimmel eigen. Immer trägt sie ein „knallgelbes Staubtuch“ bei sich, das bei jeder Gelegenheit gezückt wird, um über diverse Möbelteile zu wischen, so schnell, „dass jeder Augenzeuge sich zu Recht fragen konnte, ob er es denn wirklich gesehen hatte“. Aber die Tante hat noch ganz andere „Mucken und Marotten“. Mit Vierzehn wird sie vom Schuster Nico van Dartel geschwängert, treibt ab bei einer Engelmacherin und kann danach keine Kinder mehr bekommen. Fortan gibt sie jeder und jeden die Schuld an ihrer Kinderlosigkeit: Ihren katholischen Eltern, die sie bis zu ihrem 21. Geburtstag als Mädchen für alles im Haus wie eine Gefangene gehalten haben, ihrer älteren Schwester, die ihr zur Abtreibung geraten hat, und ihrem Ehemann Koos Kassenaar, dem sie „müden Samen“ vorwirft, um von ihrer eigenen Unfruchtbarkeit abzulenken. Koos aber, der schon lange weiß, was für ein „widerliches Biest“ seine Angetraute ist, rächt sich auf seine Weise. Um sich und allen anderen seine Manneskraft zu beweisen, füllt er regelmäßig eine Samenbank auf, so daß ihm bald schon über einhundert Nachkommen nachgesagt werden. Van der Heijden zeichnet ein bitterbös packendes, zugleich komisch bizarres Frauenporträt, das er über Jahrzehnte dehnt und das den Leser wie Staub befällt, der von keinem Tuch weggewischt werden kann und sei es auch noch so gelb. Nach Büchern von Cees Nooteboom und Margriet de Moor erweist sich die mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnete Helga van Beuningen einmal mehr als stilsichere Übersetzerin.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin“ 11/2016)


Tempo und Wucht einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte
Das neue Buch von Christoph Hein

Nicht überall ist ein Roman drin, was Verlage einen „Roman“ nennen. Gewiefte Leser wissen das längst. Wenn es sonst heißt, das Erzählte und alle Figuren sind frei erfunden, beharrt Christoph Hein in seinem neuen Buch darauf, daß der Geschichte „authentische Ereignisse“ zugrundeliegen und die „Personen der Handlung“ nicht frei erfunden sind. Also keine Fiktion und eben deshalb kein Roman? Mal ehrlich, einem Leser kann es doch egal sein, welcher Gattung das Objekt seiner Lesebegierde ist, Hauptsache der Autor packt ihn mit seiner Geschichte. Und Christoph Hein packt seine Leser auf 525 Seiten.
Kaum ist Konstantin Boggosch, neunundsechzigjähriger Schuldirektor im Ruhestand, zu der Erkenntnis gelangt, „unser Leben ist nicht so lang, dass wir alles vergessen könnten“, holt ihn im Jahr 2014 die Vergangenheit in Form der Kirchensteuerfahndung ein. Man teilt ihm mit, seit Jahrzehnten werde ein Mann gesucht, der auf den Namen Konstantin Müller getauft sei und wäre dabei auf ihn, Boggosch, gestoßen. Seine Frau Marianne will wissen, was das zu bedeuten hat, das Geburtsdatum 14. Mai 1945 von diesem Müller stimme mit dem seinen überein, auch werde ein zwei Jahre älterer Bruder Gunthard Müller erwähnt, und sein Bruder habe doch Gunthard geheißen. Boggosch wiegelt ab. Das sei ein Irrtum, damit habe er nichts zu tun. Wider besseres Wissen redet er sich ein: „Es gibt einfach nichts in meinem Leben, was sich zu erzählen lohnt. Gar nichts.“ Plötzlich aber, als wäre ein Damm gebrochen, flutet ihm sein ganzes Leben entgegen und als erzählender Bericht wieder aus ihm heraus. Beispielhaft am Schicksal eines Einzelnen fächert Christoph Hein deutsche Geschichte der vergangenen siebzig Jahre auf, zeigt, wie vieler Wendungen, Brüche und persönlicher Anstrengungen es bedarf, um dem Leben ein Minimum Glück abzutrotzen.
Konstantin war zehn, als seine Mutter ihm und seinem Bruder das erste Mal erzählt, weshalb sie nicht Müller, sondern Boggosch heißen. Sie hatte sich ihren Mädchennamen zurückerstritten, weil ihr Mann, Gerhard Müller, als hoher SS-Offizier an Kriegsverbrechen beteiligt war. Er wurde Februar 1945 westlich von Warschau verhaftet, drei Tage später zum Tode verurteilt und gehenkt. Aber die Namensänderung nützt ihnen nichts. Bald schon weiß Konstantin, dieser Vater „war das Pech meines Lebens und er klebte lebenslang an mir wie Pech“. Obwohl Klassenbester und in hohem Maße sprachbegabt, neben dem obligatorischen Russischunterricht bringt er sich mit Hilfe der Mutter auch Englisch, Italienisch und Französisch bei, wird er nicht auf die Oberschule delegiert. Gerade erst vierzehn geworden, fährt er nach Westberlin, schlägt sich über diverse Notaufnahme- und Flüchtlingslager bis nach Marseille durch. Abgewiesen von der Fremdenlegion, hält er sich mit Übersetzungsarbeiten über Wasser, lernt Männer kennen, die in der Résistance gegen den Faschismus aktiv waren. Als er glaubt, auf einem Foto bei einem der Widerstandskämpfer seinen Vater Gerhard Müller in SS-Uniform zu erkennen, tritt er die Flucht zurück an. Kurz nach dem Mauerbau Rückkehr in die DDR. Anstellung bei einem Antiquar in Magdeburg. Abitur auf der Abendschule. Pädagogikstudium. Zerwürfnis mit Bruder. Tod der Mutter. Tod seiner ersten Frau und seines Kindes bei dessen Geburt. Immer aufs Neue muß sich Boggosch auseinandersetzen mit der Schuld eines Vaters, den er nie kennengelernt hat, Hinweis genug darauf, daß nichts uns von den Altvorderen freisprechen kann. Mit Tempo und Wucht treibt Christoph Hein den Lebensbericht voran, was in spannungsvolle Lektüre und eine seltene Sternstunde deutschsprachiger Literatur mündet.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin“ 09/2016


Apokalyptisch, düster und todernst
Thriller von Reinhard Jirgl

Nur wenige Autoren seiner Generation haben Leser und Kritiker gleichermaßen polarisiert wie der 1953 in Berlin geborene Reinhard Jirgl. Dabei sind die ersten zwei Jahrzehnte seines Schreibens die Geschichte einer Verhinderung. Jirgl nennt es „amtlich verhängten Erstickungstod“. Drastisch aber wahr. Erst 1990 entert er den Literaturbetrieb. „Außer der Reihe“ sozusagen. Sinnigerweise war eben das der Name des Konstrukts, das sich der Aufbau-Verlag Ende der 1980er einfallen ließ, um allzu lange mundtot gehaltene Autoren doch noch zu präsentieren. Jirgls Erstling „Vater Mutter Roman“ erzählt von den Jahren nach 1945 und zeigt bereits viele Eigenheiten, die sein kommendes Werk kennzeichnen. Experimentelle Sprachformen, ungewöhnliche Grammatik und Orthographie, innere Monologe, traumartige und traumatische Elemente, Gewalt in Beziehungen und Gesellschaft. Egal ob in „Abschied von den Feinden“, „Hundsnächte“, „Genealogie des Tötens“ oder „Die Unvollendeten“, Jirgl hat sich mit seinen Romanen von Anfang an den Verwerfungen deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts gestellt. Auch in seinem jüngsten Buch.
Wa-bummp – Wa-bummp“, damit beginnt die Geschichte von Theresa, mit ihrem Herzschlag. Ende Oktober 2012 sucht sie das Grab ihrer Eltern auf und sinniert: „Bevor du stirbst, töte dein Herz. Besser, die Menschen wären geboren ohne Herz. Noch besser, kein Mensch wäre jemals geboren.“ Mit dieser dreiklangartigen Steigerung im allerersten Absatz ist der Grundton angeschlagen. Was auf verschlungenen Erzählpfaden folgt, sind biographische Schnipsel der Bergers, die keine Chance hatten, jemals eine Familie zu werden. Irma und Alois Berger werden 1959 wegen Spionageverdachts in der DDR verhaftet und verurteilt, ihre Tochter Theresa, gerade drei Jahre alt, wächst fortan behütet bei Pflegeeltern auf. Theresas jüngerer Bruder Willfried, von dem sie lange nicht weiß, daß es ihn gibt, kommt dagegen im Gefängnis zur Welt, verbringt Kindheit und Jugend in diversen Kinder- und Erziehungsheimen. Theresa wird eine anerkannte Historikerin, stolpert jedoch im Laufe ihrer Forschungsarbeit über streng geheime DDR-Staatsakten, woraufhin ihre Karriere zwangsweise bis zur „Klofrau im Bahnhof Alexanderplatz“ abstürzt. Derweil wird Willfried zu einem willfährigen Subjekt verschiedener Cliquen und Dienste. Diese Familiengeschichte, die packend erzählt ist, verzahnt Jirgl mit dem Freikauf von DDR-Häftlingen durch die BRD und mit dem Kriminalfall um einen Frauenmörder, den ein aus Hannover stammender Kommissar in Berlin aufklären soll. All das gipfelt in der KOZERO GmbH, was „Kommerzielle Zersetzung der Opposition“ heißt, einer „Organisation, die sich mit Aufgaben des Unschädlichmachens von Personen bzw. Personengruppen beschäftigt“, gegründet in der DDR, aktiv noch nach der „Wende“ , die Jirgl generell den „Großen Bürokratischen Umbau“ nennt. Geschickt läßt es Jirgl in der Schwebe, ob es sich dabei um Wirklichkeit oder Fiktion handelt. Johannes Mario Simmel oder Andreas Eschbach hätten daraus einen stromlinienförmigen Thriller konstruiert, Büchnerpreisträger Jirgl visiert Hochkultur an. Daß die Geschichten für jede der handelnden Hauptpersonen katastrophal bis tödlich ausgehen, daran läßt Reinhard Jirgl auf keiner Seite des Buches Zweifel aufkommen. Zweifel kommen gelegentlich beim Leser auf, ob die Spracheigenheiten des Autors gewinnbringend oder dem Buch abträglich sind. Wenn er Wörter wie Phantasien, Trenchcoats, Mystiker, Revolution und Märtyrer zu „Fant-Asien“, „Tränschkots“, „Mühsticker“, „Re-woll-lutschon“ und „Mährtürer“ verballhornt, darf „wozu“ gefragt werden. Andererseits ist der Witz im Wort nahezu der einzige Humor, den sich Jirgl leistet, ansonsten gibt es bei ihm nichts zu lachen, ist sein Szenario durchgängig apokalyptisch, düster und todernst.
(Erschienen in: „SAX - Das Dresdner Stadtmagazin“ 08/2016)




Lyrikschwemme. Fünf Gedichtbände

Das Verdikt von Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1949 ist hinlänglich bekannt: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch." Trotzdem wurden weiter Gedichte geschrieben. Zum Glück. Auch Sprüche wurden seither viele geklopft, die Marginalisierung der Poesie oder gar das Verschwinden der Literatur und damit das der gedruckten Bücher prophezeit. Nun gibt es ein weiteres Verdikt, mit dem der Suhrkamp Verlag den 2014 erschienenen Gedichtband "Graphit" des in Dresden lebenden Marcel Beyer bewirbt. Dort heißt es: "Solche Mehrstimmigkeit ist für Marcel Beyer das einzig wirksame Gegengift gegen den ganzen monolithischen, den fanatischen, den faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie und das Reden darüber." Das ist starker Tobak. Und alle lesen darüber hinweg. Auch die Jury des Bremer Literaturpreises, den Beyer für "Graphit" bekommen hat, schweigt dazu. Natürlich äußert sich der über allen irdischen Dingen schwebende Autor dazu auch nicht. Was also wird bezweckt? Das weiß keiner. Lesen wir in einige aktuelle Gedichtbände hinein, um vielleicht zu entdecken, welche davon "fanatisch" oder gar "faschistisch" sind.
Patrick Beck, 1975 in Zwickau geboren, wohnt in Dresden und skelettiert Momente. Die finden oft irgendwo "oben" und am Horizont statt oder lösen sich auf, wenn nicht in Luft, dann in Wasser. Diese Skelettierung schafft keine Gedichte, bestenfalls prosaische Gähnschnipsel mit lyrisierten Spurenelementen. Zelebriert wird ein gewollt lyrischer Blick auf die Welt, auf ebenso natürliche wie alltägliche Dinge. "Der Schalter hat zwei Stellungen. Liegt er rechts, leuchtet/das Licht, liegt er links, ist es aus. Ich drehe ihn langsam,/an, aus, an, aus. Ich finde den Punkt zwischen links und/rechts. Der Schalter knistert. Das Licht flackert." Der Schalter ist das Einzige, was hier für Knistern und Flackern sorgt. Bedenkt man es recht, ist das Nichts, was beim Platzen von Seifenblasen entsteht, gehaltvoller als diese Texte. Einmal heißt es: "Das Nichts gelang nicht." Selten hat ein gewollter Autor sein Werk treffender beschrieben. Im Beyerschen Sinne sind die Beckschen Produkte vielleicht etwas "monolithisch", aber "chauvinistisch" sind sie nicht.
Tom Schulz, 1970 in Großröhrsdorf geboren, wohnt in Berlin und möchte Lichtveränderung schaffen. Sein Verlag nennt ihn "Romantiker", der sich "Emphase" gestattet. Aber das Einzige, was Schulz schafft, ist, für unüberlesbare Merkwürdigkeiten und überstrapazierte Binnenreimerei zu sorgen. Da sich hierbei sowieso kaum Zusammenhänge ergeben, darf auch aus Herzenslust aus dem Zusammenhang zitiert werden. Die Merkwürdigkeiten sind in etwa von dieser Denkungsart: "Ich lerne jeden Tag das Schwirren./Bewaldet sein will ich mit Äpfeln aus deiner Brust./Wir wurden Liegenschaften./Das Brötchen im Pralinenmantel./Seltsamerweise haftete Gaumentalg an den feinen Härchen der Savanne./Die Harfe spielenden Brüste./Bin ich in karamellisierten Wogen." Und die Binnenreime gehen ungefähr so: "kamen Raben, was haben sie getan?/das Feld bestellt. Ich werfe ihnen Geld nach/Belong und Belang. Nimm die Concorde. Nach dem Überschwang./drinnen tagten Dirnen. Birnen faulten./Der Schnaps und der Raps." Schulz verdient seine Brötchen u.a. als Dozent für "Kreatives Schreiben", heißt es im Klappentext. Ob "Kreatürliches Schreiben" gemeint ist? Mit wenigen Ausnahmen sind alle Schulz-Gedichte zu lang, verbrauchen zu viele Wörter, was das Nichtssagende noch nichtssagender erscheinen läßt. An einer Stelle heißt es, "schmeiß den verkrusteten Schlamm deiner Stirnhöhle auf die Straße!" Ja, auch wir möchten das dem Sproß aus der Dichterhochburg emphatisch an sein romantisches Herz legen. Mag sein, dessen Gebilden haftet ein etwas fader Beigeschmack an, aber ein "fanatischer" laut der Beyerschen Devise keinesfalls.
Volker Sielaff, 1966 in Großröhrsdorf geboren, wohnt in Dresden und hantiert mit Verzeichnissen. Damit liegt nun auch das dritte Buch des bekannten Kulturjournalisten vor. Spielend kann der Leser dieser Gedichte ein Verzeichnis derjenigen anlegen, denen Sielaff huldigt oder deren Namen er benutzt. Eine ganze Abteilung ist diversen Malern gewidmet. Durch viele Verse spuken Dichter und Philosophen. Das Titelgedicht spielt gar auf den Dichterfürsten an: "Bietet die Goethe nicht den Bau". Das klingt raffiniert, weil natürlich jeder Leser, auch jede Leserin, bisher dachte, Goethe sei männlich gewesen. Oder meint Sielaff hier das Schaufelradschiff, das als "die Goethe" den Rhein beschifft? Das bleibt unklar. Andere Irritationen folgen, bei denen verschwimmt, ob sie Poetologie oder Nachlässigkeit sind. "Kie lowski" statt Kieślowski oder "auf deinen Hinter nähen" statt Hintern. Gewaltig ist "ihre Brüste sind ein bebendes Viereck", aber Karl Mickels "viereckige Mösen" waren gewaltiger. Beinahe liebenswert kommen die Reimversuche daher, weil sie als Novum im Sielaffschen Werk ebenso unbedarft wie unbeholfen sind. "Ich liebte sehr mich an es zu verschwenden/Was brannten wir und das: an beiden Enden". Wenn Sielaff aber ganz bei sich ist, auf die verführerische Hilfe großer Namen verzichtet, dann gelingt ihm plötzlich solch leichtes Gebilde wie "Die Schönheit des Waldes meiner Kindheit", in dem der Bruder beim Pilzesammeln im sowjetischen Raketensperrgebiet verhaftet wird oder das "Mädchen aus der Dorfdisko" etwas verkündet und die Dorfburschen noch nicht wissen was. Sielaffs Gedichte finden sich nicht nur in aller einflußreichsten Anthologien und in vielfachsten Übersetzungen wieder, auch bedachte ihn der MDR kürzlich "mit großen Verdiensten in der Nachdichtung" weil er eine Handvoll Gedichte aus dem Polnischen und Taiwanesischen übertragen hat. So werden Enten zu Legenden und Mücken zu Elefanten. Aber von "faschistisch" nach Beyerschem Verdikt keine Spur.

Thilo Krause, 1977 in Dresden geboren, wohnt in Zürich und will die Dinge ganz lassen. Vor allem läßt er die Dinge an ihrem Platz, hievt sie nicht in einen verkünstelten Dichterhimmel, riegelt sein Sprechen nicht ab, sagt einfach, was er zu sagen hat. Wie im sechsteiligen Titelgedicht, das zu den Höhepunkten gezählt werden darf: "An der Grenze zum Schlaf/begann es zu regnen./Ich strich über dein Haar/das feucht war und kühl./Jeder Tropfen/fiel senkrecht durchs Haus./Ich schlief ein/im schmucklosen Innern des Regens." Selbst das Schwierige, nämlich seinen eigenen Kindern ein paar Verse zu widmen, meistert er mit Leichtigkeit: "Es gewittert und ich trage dich/von Zimmer zu Zimmer./So viel Gewalt/für deine blasse Stirn./In den Türritzen singt der Wind./Ich singe, wie um der Stille willen/wie um Platz zu schaffen/zwischen den Dingen". Von geradezu schmerzlicher Einfachheit und Schönheit ist sein Gedicht über das Zürcher Grabmal von James Joyce, wenn es heißt: "Alle Nächte/wird ihm die Brille blind/vom Tau./So sieht er/die Amsel nicht/ihren Schatten über die Gräber tragen/.../Bald macht sich die Amsel davon./Hinter ihr rastet die Luft ein/wie eine Tür." Es ist erst Thilo Krauses zweites Buch. Aber er spricht darin wie ein lange schon gewachsener Dichter. Mag sein, Krauses Gedichte muten seinen dichtenden Generationsgefährten etwas konventionell an, aber "monolithisch" gemäß Beyer sind sie niemals.

Schließlich das dreißigste "Jahrbuch der Lyrik". Die Jubiläumsausgabe enttäuscht beinahe auf der ganzen Linie. Daß Herausgeber und Begründer des Jahrbuches, Christoph Buchwald, den Kontakt zur und das Wissen um die deutschsprachige Lyrik verloren hat, seit er in Amsterdam lebt, ist vorstellbar. Und daß seine Mitherausgeberin, Nora Gomringer, als ursprüngliche Slam-Meisterin, ihren Vorlieben frönt, verwundert ebenso wenig. Daß aber in hohem Maße Verwechselbarkeit, Pointenarmut und Inhaltsleere dominieren, verblüfft dann doch. Präsentiert werden 124 Autorinnen und Autoren. Das Altersspektrum reicht vom Geburtsjahr 1925 bis hin zu 1994 und staffelt sich wie folgt. Aus dem 1920er Jahrzehnt - 1 Dichterin, 1930er - 5, 1940er - 9, 1950er - 18, 1960er - 38, 1970er - 31, 1980er - 18 und 1990er - 4. Davon konnten 57 als weiblich und 65 als männlich identifiziert werden, ganz zeitgemäß treten 2 als zwitterhaftes Neutrum auf. Die lesbarsten Gedichte finden sich dort, wo lebende oder verstorbene Dichterkollegen besungen werden. "In memoriam" heißt es auf Seite fünf, gedacht wird der Toten Dichter Jean Krier und Rolf Haufs. Weshalb aber erinnern die Herausgeber nicht auch an Sarah Kirsch und Elisabeth Borchers oder an Werner Laubscher und Helga M. Novak, die im selben Zeitraum verstummten. Ignorante Gedanken- oder arrogante Pietätlosigkeit? Wes Geistes Kind die Herausgeber sind zeigen sie mit einem "Gedicht" Ulrich Holbeins, das den Hauptteil des "Jahrbuches" beschließt, somit als Quintessenz dieses Jahrgangs und als ein Kredo gelesen werden kann. Holbein, 1953 in Erfurt geboren, aufgewachsen in Kaiserslautern und Kassel, verkrachte Schriftstellerexistenz par excellence, zieht mit seinem "Gedicht" die, wie er sie nennt, "Reimlyriker" durch den Kakao, wobei in unangenehmer Weise Diffamierung vor Belustigung rangiert. Gryphius, Liliencron und Hoddis, Rilke, Rühmkorf, Gernhardt, Huchel, Söllner und Grünbein bekommen ihr Fett weg und werden zusammen mit "dem frühen Adolf Hitler" zu einem Brei verquirlt. Allein fünfmal wird über Wulf Kirsten hergezogen, was schon allein deshalb unstimmig ist, weil Kirsten kaum Reime verwendet. Wenn die  Herausgeber ihre Anthologie mit solch einem Text krönen, diskreditieren sie nicht nur alle von ihnen ausgewählten Lyriker, sondern auch ihre eigene Arbeit. Plötzlich wird vorstellbar, wie eine rasch um sich greifende Respektlosigkeit, die jeglicher Ethik und Moral entbehrt, im "täglichen Faschismus" (Reinhard Lettau) münden kann. Dann hätte also das vom Suhrkamp Verlag für Marcel Beyer erfundene Verdikt vom "monolithischen, fanatischen, faschistischen und chauvinistischen Schwachsinn in der Poesie" doch seine Berechtigung? Und noch eine Frage: Haben wir eine Lyrikschwemme? Wenn ja, erfreut diese den leidenschaftlichen Leser weniger, als den leidenschaftlichen Pilzsammler eine Pilzschwemme freut.
(Erschienen in: "SIGNUM - Blätter für Literatur und Kritik", 17. Jahrgang, Heft 1, Winter 2016)


"Einen Journaler von der letzten britanischen Inseltour tun"
Ein nachgelassenes Reisetagebuch von Sarah Kirsch

Es ist noch kein Jahr her, als aus dem Nachlaß der 2013 verstorbenen Dichterin Sarah Kirsch mit "Juninovember" tagebuchartige Aufzeichnungen erschienen. Darin festgehalten Impressionen aus dem Dithmarschen, wo sie seit 1983 in Tielenhemme mit Moorschnucken und Eseln zurückgezogen lebte und gelegentlich dichtete. Jetzt dürfen die Leser an einer Reise in Englands Süden teilhaben, welche die Kirsch von 22. August bis 7. September 2000 gemeinsam mit Sohn Moritz, geboren 1969, unternahm. Vom Eiderdeich geht es nach Hamburg, von dort mit dem Schiff über die "Britanische See" nach Harwich, und weiter per Zug über London bis nach Cornwall, wo das Ziel die Hafenstadt Penzance ist. Sie hört BBC Classic FM, kauft Parfüm "Cool Water" von Davidoff, hat "britische Zeit am Arme hängen". Das Herrenhaus St. Michael's Mount mit seinem subtropischen Garten sowie St. Ives mit Künstlerkolonie und Tate Gallery werden besucht. Täglich wird zu passender Stunde Tee, gern auch "cream tea" getrunken. Die Kirsch liest "Harry Potter passenderweise", obwohl Daphne du Maurier, Jahrzehnte in Cornwall beheimatete Autorin von "Rebecca" und "Die Vögel", prominent von Hitchcock verfilmt, passender gewesen wäre. Immerhin werden "Hitchcock-Möwen" erwähnt, obwohl beim Suspense-Meister zumeist Krähen zu sehen waren. Nach einer Woche geht es nach Torquay in die Grafschaft Devon. Die Kirsch entdeckt den Dichter Edward Thomas (1878-1917), den ostwärtige Leser bereits 1983 in der Leipziger Reclam-Anthologie "Englische Lyrik 1900-1980" entdecken konnten. Dem Torquay Museum mit "Agatha Christie-Etage" und den Farmhäusern von Cockington werden Besuche abgestattet. "Das Meer ist so blau ist so blau ... Blumenrabatten in Rot und Violett ... diesz sieht ganz wahnwitzig aus ... Manches ist ganz anders uff die Insul ... sie sind verrückt", notiert die Dichterin. "Exzentrisch", verbessert sie der Sohn. Mit ihrem ganz eigenen, verspielt infantilen Vokabular buchstabiert sie sich durch die Reisetage und gibt ebenso beiläufig wie offenherzig zu erkennen, nicht sehr weltläufig zu sein. Dutzendfache Wortwiederholungen, die man von einer Dichterin nicht unbedingt erwartet hätte, dämpfen die Lesefreude. Auf Vorsatz und im Innern des Buches finden sich etliche Faksimileseiten aus dem Originaltagebuch, die die schwungvoll schöne Handschrift der Autorin zeigen, während sich beigefügte Schwarzweißfotos in unscharfen Belanglosigkeiten erschöpfen.
Wie bereits andernorts hält auch das zum Buch gehörende Nachwort hartnäckig an der Behauptung fest, die Dichterin sei des Landes DDR verwiesen worden. Dabei forderte sie selbst die Ausreise ein, die ihr 1977 bewilligt wurde, damit sie von Ost-Berlin zu ihrem damaligen Geliebten nach West-Berlin ziehen und etwas von der Welt sehen konnte. Vor 80 Jahren wurde Sarah Kirsch am 16. April 1935 als Ingrid Hella Irmelinde Bernstein im oberen Stockwerk des Pfarrhauses von Limlingerode im Südharz geboren. Sie vermochte es, uns mit Gedichtbänden wie "Zaubersprüche", "Rückenwind", "Erdreich" und "Katzenleben" zu verzaubern. Das ist lange her. Gedenken wir ihrer mit Freundlichkeit und Nachsicht.
(Erschienen in: „Sächsische Zeitung“ 16.04.2015)

Von West nach Ost
Der Nachlaß der Schriftstellerin Gisela Kraft offenbart Erinnerungen an einen ungewöhnlichen Umzug

In der Zeit deutscher Zweistaatlichkeit 1949 bis 1990 haben etwa eine halbe Million Menschen ihren Wohnort von der BRD in die DDR verlegt. Eine war die promovierte Islamwissenschaftlerin und Schriftstellerin Gisela Kraft (1936-2010). Am 01. November 1984 rollt ihr Möbelwagen von West- nach Ost-Berlin, sie "vorn im Führerhäuschen ... Auf meinen Knien der Korb mit Katze Leila." Beim "Grenzkontrollpunkt" Heinrich-Heine-Straße Aufregung auf beiden Seiten. Der Grenzkontrolleur moniert eine unvollständig ausgefüllte Grüne Karte, es fehle die Angabe, wann die Einreisende die DDR wieder verlassen werde. Gisela Kraft antwortet: "Ich weiß doch nicht, wann ich sterbe." Daraufhin erbleicht der Grenzer und stottert: "Sie kommen - zu uns?" Nicht jede der von Gisela Kraft notierten drei Dutzend unterschiedlich langen autobiographischen Skizzen, ist so heiter und vielsagend wie diese. Mitunter geht sie weit in ihrer Biographie zurück, bis sie auf Erlebnisse, Verletzungen, Erfahrungen stößt, die als Gründe für ihren nicht alltäglichen Umzug taugen. Kurzum, sie hatte den "Westen" satt, wo sie sich in Beziehungskisten, Verlagsgründung und diversen Jobs verheddert hatte. Sie wollte einen Neubeginn. Wegweiser in Richtung DDR sah Gisela Kraft bereits 1980 beim Dichtertreffen in Struga/Mazedonien. Ob sie sich "vorstellen könne, für DDR-Verlage zu arbeiten. Es gebe nur wenige Türkisch-Übersetzer", wurde sie gefragt vom DDR-Dichter Paul Wiens, genannt "Interpaule"wegen seiner Umtriebigkeit, die geheimdienstlich abgesichert war, wie man nach 1990 erfahren konnte. Kraft dichtet kraftvoll Nâzım Hikmet und Fazıl Hüsnü Dağlarca nach, zwei Bücher als Entree in die DDR. Sie geht dorthin, wo sie denkt, daß ihr Wissen und Können gebraucht werden. Sie bekommt eine "Zweiraumwohnung aus dem Kontingent für Kulturschaffende", Plattenbau, Friedrichshain. Ausbeute ihres ersten Einkaufs: Harzer Käse und Rotkäppchen piccolo. Was sie vermissen wird? "Pfälzer Wein und französischen Käse." Gisela Kraft wird so gründlich eingemeindet, daß sie, um zur Trauerfeier für ihren verstorbenen Vater zurück in den "Westen" fahren zu können, keine Ausreisegenehmigung bekommt. Besser-Wessi war sie niemals, vielleicht aber anfangs der bessere Ossi? Mehrfach hinterfragt sie sich selbst: "... will ich beflissen sein? Mich lieb Kind machen?" Schon 1985 erscheint ihr erster Gedichtband im Aufbau Verlag "Katze und Derwisch". Katze Leila überlebt den Umzug nicht, wird durch Sophie ersetzt, benannt nach der jungen Verlobten von Novalis. Vielleicht führte der Umzug Gisela Kraft weniger in die DDR, als in das Land des Friedrich von Hardenberg? Vom ersten Tag an belagern "fünf schwere Novalis-Bände" ihren Schreibtisch. Zwanzig Jahre wird sie damit befaßt sein, drei Novalis-Romane zu schreiben. Einerseits erinnert sie an Freundschaften mit Max Walter Schulz, Paul Wiens, Annemarie Bostroem, Literaten, auf deren Bekanntschaft die Hineingeborenen-Generation wenig Wert legte. Andererseits gibt sie nachdenklich stimmende Anekdoten über Sarah Kirsch und Günter Kunert zum besten oder spekuliert, was aus ihr hätte werden können, wenn sie in der DDR aufgewachsen wäre. Noch vor ihrem Tod hat Gisela Kraft dieses rhapsodisch-episodische Mosaik zusammengebaut. Gezeichnet von Krankheit galt ihre größte Sorge dem Erscheinen ihrer "deutsch-deutschen Erinnerungen". Einigen Freunden, der Stadt Weimar und dem in Dresden ansässigen Verlag "edition AZUR" ist es zu danken, daß dieses ungewöhnliche Erinnerungsbuch in einer vorzüglich gestalteten Ausgabe erscheinen konnte. Jetzt steht Gisela Kraft in der "edition" neben Büchern von Nancy Hünger, Thomas Kunst, Jan Volker Röhnert, Julia Schoch. Es würde sie freuen.
(Erschienen in: „Sächsische Zeitung“ 27.01.2014)









Opportunismus eines Großschriftstellers
Einblick in die Tagebücher von Erwin Strittmatter

Wer seine Romane von "Ochsenkutscher", "Tinko" und "Ole Bienkopp" bis "Wundertäter" und "Laden" gelesen hat, meint, den Autor Erwin Strittmatter (1912-1994) zu kennen. Das aber dürfte ein Trugschluß sein. Denn den, der uns als Mensch aus seinen Tagebüchern entgegentritt, werden wohl nur die Allernächsten, Ehefrauen und Söhne, gekannt haben. Nachdem 2012 unter dem Titel "Nachrichten aus meinem Leben" Strittmatters Tagebücher der Jahre 1954-1973 erschienen sind, liegt nun für 1974-1994 der zweite große Schwung vor. Enthusiastische Strittmatter-Leser, die ihr Erwin-Bild nicht zerstören wollen, sollten die Finger von den Tagebüchern lassen. Wem sich jedoch eine dicke Haut mit gesundem Voyeurismus verbindet, kommt voll auf seine Kosten. Ausgewählt wurde aus 249 DIN-A6-Heftchen, die Strittmatter seine "Groschenhefte" nannte. Das macht etwa 20 000 Seiten. Ausgelassen wurden Wiederholungen und vor allem "aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen die Darstellung intimer Details", heißt es in der editorischen Notiz. Wenn es nicht um seine Pferde und Hunde geht, steht das "Evchen" im Mittelpunkt. Eva Strittmatter (1930-2011), eine viel gelesene Lyrikerin, war seit 1952 Partnerin von Erwin, seit 1956 mit ihm verheiratet. Im Überschwang nennt er sie gern "liebliche Gefährtin" oder "die Liebliche". Sie ist seine erste Leserin, die hart mit ihm ins Gericht geht und ihm einmal im Jahr um die Weihnachtszeit herum den kahlen Kopf krault. In der Häufigkeit ihres Auftretens folgen seine literarischen Projekte, etwa ein Dutzend Freunde und Bekannte, Beobachtungen in der Natur ringsum "Schulzenhof", die Jahreszeiten, Spaziergänge, Ausritte. Erst dann kommen die Söhne, von denen Strittmatter aus mehreren Ehen eine ganze Menge hat, mit Eva drei. Unter ferner liefen rangiert die restliche Verwandtschaft. Schon das Personenregister gibt zu erkennen, wie selten Namen von DDR-Schriftstellern auftauchen. Eigentlich wird nur der langjährige Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Hermann Kant regelmäßig erwähnt. Stefan Heym, Werner Heiduczek, Christa Wolf je einmal. Stephan Hermlin immerhin dreimal. Gar nicht Franz Fühmann. Jene, die wie sein "Evchen" nach 1930 geboren sind, interessieren ihn wenig, ganz zu schweigen von der Nachkriegsgeneration. Neben dem Altern, dem Schwinden der Kräfte, fallen drei Großereignisse in die zwanzig Tagebuchjahre. EINS. Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976. Strittmatter notiert: "Landesverweisung des hirnkranken B. ... politischer Querkopf, der unsere selbstherrlichen Politiker in Liedern verspottete." ZWEI. Aufreibende Behinderung des Romans "Wundertäter 3" von Manuskriptabgabe 1978 bis zum Erscheinen 1980. Strittmatter: "Mit soviel Verständnislosigkeit hatte ich nicht gerechnet." DREI. Herbst 1989 und Untergang der DDR. Sorge vor dem was kommt, Unverständnis und Enttäuschung über die Hilflosigkeit "unserer Öberen" halten sich die Waage. September 89 schreibt er einen Brief an Politbüromitglied Kurt Hager und fragt: "Wie gedenkt ihr zu reagieren?" Strittmatters aktivste Leistung in Sachen Einmischung. Alles andere, glaubt er, steht in seinen Romanen. Januar 90 tritt er aus der SED aus, nachdem er ihr dreiundvierzig Jahre angehört hatte. Für seinen Opportunismus und sein Stillhalten wurde er mit fünf Nationalpreisen, zwei Vaterländischen Verdienstorden, Banner der Arbeit, Karl-Marx-Orden dekoriert. Dabei hat er immer gewußt, was gespielt wird, aber nicht einmal die Söhne hatten "eine rechte Vorstellung vom Wirken" ihrer Eltern. Ansonsten gibt er gern Eva recht, die über die 1989er Ereignisse sagt: "Alles von den Amerikanern inszeniert." Und Erwin kommentiert: "Ich kann weiter nichts, als Evas Klugheit bewundern."
Bewundern darf der Leser die Herausgeberarbeit von Almut Giesecke. Als ehemalige Lektorin des Aufbau Verlages hat sie sich akribisch durch den Filz von Strittmatters Tagesaufzeichnungen gearbeitet und die Edition mit vorzüglichem Apparat und kenntnisreichem Nachwort versehen.
(Erschienen in: "SAX - Das Dresdner Stadtmagazin" 02/2015)


"Ich wollte den Suhrkamp des Ostens"
Autobiografie von Elmar Faber

Zwar wird schon auf Seite 35 dieses autobiographischen Berichts der Aufbau-Verlag das erste mal erwähnt, aber erst auf Seite 184 kommt der Autor als Verleger in der Berliner Französischen Str. 32 an. Die Rede ist von Elmar Faber, Aufbau-Chef von 1983 bis 1991, der jetzt die Erinnerungen an sein "Verlegerleben" vorlegt. 1934 in Deesbach/Thüringen geboren, dort selbst Dorfschulbesuch, ab Klasse Fünf Wechsel an die Friedrich-Fröbel-Oberschule in Oberweißbach, Ausbildung zum Postbeamten in Saalfeld, Abitur an der Arbeiter- und-Bauern-Fakultät Jena, Germanistikstudium an der Universität Leipzig, wo er noch Vorlesungen im berühmten Hörsaal 40 bei Ernst Bloch und Hans Mayer hört, bevor beide ihrer Lehrtätigkeit enthoben werden und die DDR verlassen. Detailgenau und mit viel Zeitkolorit versehen, beschreibt Elmar Faber, wie er nach 1945 die Liedzeile "Du hast ja ein Ziel vor den Augen" beim Wort nahm und einen Bildungsweg einschlug, der ihn so zu sagen von unten, aus einem "Glasbläser- und Waldarbeiterdorf", hinauf in die intellektuelle DDR-Elite katapultierte. Über die Stufen Redakteur einer wissenschaftlichen Zeitschrift, Verlagsassistent am Bibliographischen Institut und Programmchef beim Export- und Devisenverlag EDITION LEIPZIG ging es aus der Messemetropole in die Hauptstadt, um als Verlagsleiter von Aufbau ganz große Geschichte zu schreiben. "Aufbau war kein Königreich. Es war eine Weltrepublik ... mich reizte ein solcher Koloß". 200 Mitarbeiter, 350 Bücher jährlich, 30 Millionen Netto-Jahresumsatz. Der Slogan ist schnell gefunden: An jedem Tag ein neues Buch. Und immer wieder die Kämpfe damaliger Zeit: Papierkontingente, gestalterische Qualität, Plusauflagen, Lizenzgeschäfte, Zensur. Autoren wie Uwe Johnson, Peter Huchel, Wolfgang Hilbig oder Günter Grass erscheinen zu spät oder nie. Christa Wolfs "Kassandra"-Vorlesung wird beschnitten, Christoph Heins "Horns Ende" am Zensor vorbei geschmuggelt, Erwin Strittmatters "Laden"-Trilogie zum Auflagenbestseller, eine Anthologie hineingeborener Autoren verhindert, statt ihrer für den subkulturellen Prenzlauer Berg "Außer der Reihe" erfunden. "Junge Autoren mit sonderbaren Manieren und eigenwilligen Bekleidungen bestürmten mich". Als Fabers Lieblingswörter fallen "nobel" und "Noblesse" auf, andererseits ist er sich nicht zu fein, kräftige Ausdrücke zu gebrauchen. "... aus den Latschen kippen ... die alte Scheiße der Bevormundung ... furztrockene Arbeiten ... zum Kotzen." Beeindruckend fair bleibt Faber, als er vom Verlust seines Imperiums an den Frankfurter Immobilienmakler Bernd F. Lunkewitz berichtet. Beinahe augenzwinkernd resümiert er: "Ich wollte ... den Suhrkamp des Ostens, der Aufbau war. Lunkewitz wollte eine literarische Parfümfabrik, für alle etwas, mit schnellem Erfolg und vergänglichen Duftnoten." Januar 1990 gründet Faber noch den "Aufbau Taschenbuch Verlag", im September schon seinen eigenen Verlag "Faber & Faber", die unfreiwillige Rückkehr nach Leipzig ist beschlossene Sache: "Aus dem Paradies, für das ich das Verlegerleben hielt, ließ ich mich nicht vertreiben."
Wie Elmar Faber Geschichte und Geschichten erzählt, das hat Stil, Verve, Leidenschaft und, jawohl, auch Poesie, was einer Verlegerschreibe selten eigen ist. Ob eindrückliche Erinnerungen an thüringische Heimat, letzte Kriegs- und erste Nachkriegsjahre oder sein Weg in die Welt der Bücher, immer ist da ein ganz eigener Ton, nicht frei von besitzanzeigenden Eitelkeiten ("mein Autor", "mein Verlag"), aber liebenswert eigensinnig, nicht ohne Hang zur Rechtfertigung, aber gentlemanlike bis zum Scheitel.
(Erschienen in: "SAX - Das Dresdner Stadtmagazin" 10/2014)


Das Ende einer Kneipe als Sinnbild für den Herbst 1989
Erster Roman des Lyrikers Lutz Seiler


Die großdeutsche Literaturkritik wird diesen Roman lieben. Aber werden das auch jene, die Hiddensee und den Autor als Lyriker schätzen? "Tagsüber, bei guter Sicht, war Møn zu sehen, die Kreidefelsen ... Die zum Königreich Dänemark gehörten". Ein Sehnsuchtsort also, dieses Hiddensee, das zu DDR-Zeiten Ausgangspunkt manch einer lebensgefährlichen Landesflucht und eine ausgesprochene Prominenten-Insel war. Wer keine Lust darauf hatte, am Strand den "Puhdys" oder "Lippi", Inge Keller oder Eva-Maria Hagen zu begegnen, womöglich nackt, fuhr nicht nach Hiddensee. Aber Prominentengeschichten erzählt Lutz Seiler zum Glück nicht. Der 1963 in Gera geborene Autor, Germanistikstudium in Halle und Berlin, seit 1997 Programmleiter im Peter-Huchel-Haus Wilhelmshorst, wird zuerst mit Gedichten bekannt und dafür mehrfach ausgezeichnet, im Jahr 2000 auch mit dem Dresdner Lyrikpreis. 2007 gewinnt er mit dem Prosastück "Turksib" den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seither wird von seinem ersten großen Roman gemunkelt. Jetzt (ab 06. September) liegt er auf den Paletten der Buchhandlungen, vorab mit dem diesjährigen Uwe-Johnson-Preis bedacht und für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen.
Erzählt wird vom Ende einer Inselgaststätte im Herbst 1989. Parallelen zum Exodus von Staaten und Utopien sind durchaus gewollt. Seiler widmet sich den "Schiffbrüchigen", den Aussteigern, die auf Hiddensee als Saisonkräfte, sie nennen sich "Esskaas", und Freiheitssucher stranden, die in "legaler Illegalität in einem Land" leben, "das Sie entweder ausgespuckt und für unbrauchbar erklärt hatte oder dem sie sich schlichtweg nicht mehr zugehörig fühlten". Wie auch die Hauptfigur Edgar "Ed" Bendler, Jahrgang 1965, aufgewachsen irgendwo zwischen Zeitz und Gera, Literaturstudium in Halle an der Saale. Traumatisiert vom Unfalltod seiner Freundin, über den der Leser nur häppchenweise erfährt, bricht Ed von einem Tag zum andern alle Zelte hinter sich ab, reist im Juni 1989 gen Norden, wo er "die Verheißung" fühlt. "Und nichts anderes war es doch, wonach er sich sehnte, eine Art Jenseits, groß, rein, übermächtig." Hier fragt sich der Leser nicht zum letzten Mal, ob das sprachlich etwas zu hoch aufgeladen und allzu dicht bei Karl May ist? Ed findet Anstellung in der Gaststätte des Betriebsferienheims "Zum Klausner", erst als Zwiebelschäler verdammt, dann zum Abwäscher befördert.
Anfangs entwickelt der Roman einen geradezu unwiderstehlichen Sog. Landschaftsbeschreibungen gelingen ausnahmslos. Die Besatzung des "Klausners" wird dank eindringlicher Charakterbilder unverwechselbar gezeichnet. Sprachliche Brillanz blitzt spielerisch auf, wenn Seiler zum Beispiel dem Inselnamen seine eigene etymologische Bedeutung zuschreibt: "Versteck im See, geheime See". Da fällt wenig ins Gewicht, daß die auf Hiddensee stationierten Grenzsoldaten mit Maschinengewehren Streife laufen, was vermutlich Maschinenpistolen meint. Obwohl sich die Handlung zuspitzt und durch die Herbstereignisse unter dem Personal eine dramatische Fluktuation einsetzt, bis nur noch Ed und Kruso übrig sind, droht der Roman zunehmend zu versickern. Rituelle Waschungen, zeremonielle Beköstigung und allnächtliche Unterbringung der "Schiffbrüchigen" einhergehend mit sexueller Nötigung, das alles hat etwas Heidnisches mit einem Hang zu verdeckter Aggression und zwanghafter Unterordnung. Schon auf Seite 27 ist zu lesen: "Edgar Bendler hatte beschlossen, zu verschwinden, ein Satz wie aus einem Roman." Das hat durchaus etwas Programmatisches. Bei Lutz Seiler ist alles zu sehr Roman, zu ausgedacht, zu ausgesucht, entweder große Oper oder Kitsch. Selbst die in den gesamten Text eingewebten Konsumartikel wie Haarwasser "Exlepäng", Rasierer "Bebo Sher", Röhrenradio "Violetta", Tonbandgerät "B 56" wirken wie Namensschilder an Ausstellungsstücken in einem der unseligen DDR-Museen. Im Mittelpunkt aber steht die Freundschaft zwischen Ed und Alexander Krusowitsch, genannt "Kruso",
die sich von anfänglicher Sympathie zu homoerotischen Phantasien und blutsbrüderschaftlichen Schwüren steigert. Nicht jedem Leser wird dieser Kruso gefallen. Ein bezopfter Gernegroß, ein Möchtegernlyriker, einer, der sich als Stadthalter und König der Insel aufspielt, sich gern geheimnisvoll gibt und doch nur wie ein Spinner wirkt, der in der Nische hockt und seine Wunden leckt. Wie Ed wird auch Kruso von einem Trauma belastet. Seine ältere Schwester Sonja hatte ihn, als er noch Kind war, am Inselstrand mit der Ermahnung sitzen lassen, er möge dort auf sie warten, bevor sie ins Wasser ging, um nie mehr zurück zu kommen. Geblieben ist ihm ein Foto, auf dem Ed Ähnlichkeiten zwischen Krusos Schwester und seiner verunfallten Freundin entdeckt. Schwerblütig putscht fortan das Trakl-Gedicht "Sonja" die zwei Freunde auf. Krusos gefährliche Utopie, jeden Schiffbrüchigen des Landes in drei Nächten zu den Wurzeln der Freiheit zu führen, führt letztlich auch in den Tod.
Als der Leser kurz vor einem epischen Anfall steht, weil ihm der Lesekopf vom vielen Schütteln davon zu fliegen droht, dann, ja dann beginnt der vierzigseitige Epilog des Romans. In diesem nachgereichten "Bericht" erfüllt Seiler das, was den Roman an Vorschußlorbeeren belastet. Einem Versprechen Krusos folgend, forscht Ed den Toten nach, die bei ihrer Flucht über die Ostsee in die Namenlosigkeit verschwunden sind. Bei zwei Recherchereisen nach Dänemark 1993 und 2013 gerät er im Kopenhagener Gerichtsmedizinischen Institut und im Keller der dänischen Staatspolizei noch einmal an jene Grenze, von der er meinte, sie 1989 hinter sich gelassen zu haben. Hier und nur hier scheint der Erzähler ganz bei sich zu sein.
(Erschienen in: "Sächsische Zeitung" 06./07.09.2014)


Durchwachsene Fingerübungen
Neue Gedichte von Jan Wagner


Ein kleines Gedicht von nur sechs Zeilen fällt aus dem Rahmen. "der zehnte weiße friedhof/an einem jener hänge/ist ein ensemble/von bienenkästen: sammelt/den honig, fleißige tierchen,/winzige tote." Mit "Sarajewo" betitelt, erinnert es an den Balkankrieg. Ansonsten hält sich der Lyriker Jan Wagner, 1971 in Berlin geboren, zumeist politisch vornehm zurück. Das hat ihm viele Preise eingebracht, zuletzt Hölderlin-Preis, Villa-Massimo-Stipendium, Kranichsteiner Literaturpreis und Paul Scheerbart-Preis der Rowohlt-Stiftung. Nach Gedichtbänden wie "Probebohrung im Himmel" und "Australien" erscheinen seine neuen Gedichte gleich einer Zurücknahme. Der Leser gewinnt den Eindruck, als sei ein Marsmensch auf die Erde gefallen und berichtete nun seinen Mitmarsmenschen in poetisch aufgeladener Form über die irdische Fauna und Flora: Giersch, Pferd, Tümmler, Silberdistel, Blutbuche, Esel, Koala, Mücken. Oder, als fordere im Schreibkurs der Poesielehrer die Schüler auf, ein Gedicht über Laken, Servietten, einen Nagel, Tennisbälle, Zäune, Tassen und Seife zu schreiben. Jan Wagner erfüllt die Aufgaben mit Bravour. Gekonnte Fingerübungen. Aber wozu? Um Artenschutz geht es ihm nicht unbedingt, wenn es über die Kaimanjagd genüßlich heißt: "nimm jetzt/du die flinte. ziele genau" oder wenn ein Elch ausradiert wird: "der warme doppellauf wie eine schlag-/ader in meiner faust". Wagner fährt sehr nah an die Objekte seiner Begierde heran, um alten Bekannten noch etwas Überraschendes abzuringen. Am besten gelingt das, wenn damit autobiografisches Erinnern verbunden wird. Tante Mia, die sich ein Weidenkätzchen in die Nase steckt, Annas Hasenscharte, ihr "kratermund", der Sturz als Kind in den Brunnen, vergebliche Versuche des stümpernder Etüdenspielers, Schubert und Schumann auseinander zu halten, der forschende Blick in die Regentonne. Sehr stimmig ist ein Volker Braun gewidmetes Gedicht, in dem das weit verbreitete Fuchsschwanzgewächs Melde mit dem Dichter gleichsam personifiziert wird: "blüht bescheiden ... solidarisch mit dem schutt ... liebt das malade, das brüchige: ihr staat ist überall ... von jenseits des rostigen hammerkrans ruft es ... meldet beharrlich, ungehorsamst, die melde." Zum Durchatmen gibt es ein paar wenige Gedichte, die nicht in der Botanisiertrommel vorgekeimt wurden. Allen voran "die bibliotheken": "ein einziges regal/von murmelnden, von angehimmelten,/verworfenen". Merkwürdigkeiten zeigen sich in der Formgebung. Sehr oft praktiziert Wagner Worttrennungen als Zeilenbrüche, eine Silbe noch in jenem Vers, die andere im nächsten. Außer daß die Methode ab und an einen Reim erzwingt, dient sie ansonsten selbstverliebter Manieriertheit. Hinzu kommen unsaubere Reime und angedeutete Sonette, als fehle dem Autor der Mumm, seine Gedichte formbewußt zu vollenden. Ein aus schönen Haiku gebautes Gedicht, der treffliche "kentaurenblues", die auf nur zwei Reimpaaren fußenden "maulbeeren" stehen dagegen auf verlorenem Posten. Es darf eine durchwachse Lektüre konstatiert werden.
(Erschienen in "SAX - Das Dresdner Stadtmagazin" 11/2014)


Dialektikmaschine
Einblick in die Werktage des Volker Braun


Eintausend Seiten sind keine Kleinigkeit. Und das bereits zum zweiten Mal. Nachdem 2009 die umfänglichen "Werktage 1" für die Jahre 1977-1989 erschienen sind, decken "Werktage 2" den Zeitraum 1990-2008 ab. Für einen Autor wie Volker Braun, der mit metaphorischer Sprachverknappung arbeitet, ein Mount Everest. Dabei wollte er seine Arbeitsbücher gar nicht veröffentlicht sehen. Als er im September 2008 mit der Durchsicht des Konvoluts befaßt ist, notiert er: "der überdruß, nur immer von mir zu lesen ... der verlag drängt fast unverschämt auf herausgabe". Seinen Lektor läßt er wissen: "zehn jahre p.m., das ist im günstigsten fall 2039, im ernsten fall 2019." Aber Autorenwünsche regulieren den Markt längst nicht mehr. Die Arbeitsbücher sind da, nicht "post mortem", nein, ihr Autor lebt zum Glück seiner Leser noch. Dem aus dem ersten Arbeitsbuch bekannten Prinzip bleibt Volker Braun treu, keine Notate im Sinne eines Tagebuchs, so wenig Privates wie möglich, kritisch, auch sich selbst gegenüber, bis zur Schmerzgrenze. Kommentiert werden die Entstehung eigener Werke, Gespräche mit Verlegern, Lektoren, Theaterregisseuren sowie Lektüreerlebnisse, Reiseeindrücke, politische Ereignisse. Aber Vorsicht! Diese Einträge haben es in sich und bringen die grauen Zellen mächtig auf Trab. Wurde Braun vor 1990 als Quertreiber gegen verknöcherte Strukturen der DDR-Kulturadministration gesehen, bekommt er im vereinten Deutschland nicht selten das Etikett eines unverbesserlichen Sozialisten verpaßt. Damals wie heute wird "positive haltung eingeklagt". Selbst im Hause Suhrkamp stößt er auf Widerstände. Verleger Unseld äußert gravierende, politische Einwände; Braun: "ein brief wie aus dem mitteldeutschen verlag". Lektorin Borchers ruft an, spricht, das Manuskript füge sich nicht in das Programm, sie habe keine Zeit, es ein zweites Mal zu lesen, "du warst doch drüben gewohnt, daß die dinge liegenbleiben". Braun bekommt einen anderen Lektor zugewiesen. Seine Auslassungen gegenüber Freund und Feind sind tiefzielende Nadelstiche. Loest "der politische dünnpfeifer", Kanzler Schröder "von jovialer offenheit und flegelhaftem humor", Christa Wolfs Erzählung "Leibhaftig", weil eigener Leib und Leib der Gesellschaft in eins gedacht werden, "mitunter penetrant und fadenscheinig". Aus der Privatsphäre wird vom 65. Geburtstag, von Brustbeinbruch und Augen-OP, Tod der Mutter und Geburt des Enkels berichtet. Schön zu lesen, wie Opa Braun gefordert wird: "johann zum erstenmal allein bei uns. er will abends geschichten aus dem leben hören." Die Leser, die vor allem den Dichter Braun schätzen, müssen auf Verse von ihm nicht verzichten. In die Werkbuch-Einträge eingestreut finden sich verschwenderisch viele Gedichte, Zwei- und Vierzeiler überwiegen. Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wird nicht nur zu "Rummsfeld" verballhornt, ihm wird auch ins Stammbuch geschrieben: "alt sind wir, ja, und erfahren, wir gallier und sachsen./ihr wichser in washington, werdet erwachsen." Was vielleicht am meisten zu Herzen geht, wie Volker Braun in Nachrufminiaturen der verstorbenen Weggefährten gedenkt, darunter Müller (Heiner), Hermlin, Bahro, Hacks, Brasch (Thomas), Hilbig, Rühmkorf und sein enger Freund Karl Mickel. Als Braun eine Lesung im Marbacher Literaturarchiv gibt, "lebend bin ich hier lieber, als archiviert", wirft er einen Blick auf den Nachlaß Mickels: "fatal und rührend zu sehn, daß er in ein paar pappkartons platz hat." Fast entwickelt der Leser so etwas wie Mitleid, wenn er die beinahe tagtäglichen Kämpfe des Autors bedenkt. Die Braun'sche Dialektikmaschine läuft vierundzwanzig Stunden am Tag. Sieht man auf die kalendarische Dichte der Einträge, liegen zwischen ihnen weiße Flecken von mitunter mehreren Monaten. Vielleicht war dann doch etwas Zeit für kampflose Stunden mit Frau Anne, Tochter Arne und Enkelsohn Johann.
Für das Frühjahr 2015 wird der Band "Das nachgetragene Jahr (1976)" angekündigt. Dieser soll auch Anmerkungen und Namensregister für die Arbeitsbücher 1 und 2 beinhalten, was bisher schmerzlich vermißt wurde.
(Erschienen in "SAX - Das Dresdner Stadtmagazin" 08/2014)



Große Bitterkeit zum Schluß
Erich Loests nachgelassenes Tagebuch


2011 erscheint unter dem Titel "Man ist ja keine Achtzig mehr" ein Tagebuch von Erich Loest. Er läßt seine Leser wissen, dies sei sein letztes Buch. Einfacher gesagt, als getan. 2012 folgen die Satiren "Sechs Eichen bei Rötha" und 2013 "Lieber hundertmal irren", eine Erzählung, mit der er ins Jahr 1945 und in seine Geburtsstadt Mittweida zurückkehrt. Als der Autor, gezeichnet von unbarmherzigem Alter und zunehmender Krankheit, seinem Leben am 12. September 2013 im Leipziger Uniklinikum selbst ein Ende setzt, hinterläßt er das Manuskript eines zweiten Tagebuches, das seine letzten zwei Lebensjahre umfaßt und jetzt posthum erscheint. Abgesehen davon, daß es den Autor als Genießer, Opernliebhaber, Fußballfan und Briefmarkensammler zeigt, ist es ein trauriges Buch. Das Schmerzlichste daran ist vielleicht, daß Erich Loest keinen "Frieden" gefunden hat, weder mit Leipzig noch mit seinem Sohn und Linden-Verlag-Eigentümer Thomas, der ihn wegen Lizenzen und Buchrechte verklagt hatte, schon gar nicht mit der DDR-Vergangenheit und auch nicht mit sich. Selbstkritisch hält er fest: "... was muss ich immer als Nörgler und Miesepeter agieren." Was ihm immerhin vergönnt war, eine liebevolle Lebensgefährtin und die Eröffnung eines Erich-Loest-Museums im Mittweidaer Elternhaus. Allzu oft hat der Leser das Gefühl, Loest habe sich mit den falschen Leuten umgeben, den sogenannten guten Freunden, Damen und Herren Dissidenten, auch Landes- und Kommunalpolitikern, die ihn unmerklich für ihre Zwecke benutzten. Zu seinem 85. Geburtstag "gratulieren der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin, der Bundestagspräsident, Ministerpräsidenten und Oberbürgermeister", von Schriftstellern "nur" Günter Grass, der aus Portugal eine Grafik schickt. Überhaupt werden Begegnungen mit Schriftstellern so gut wie keine festgehalten. "Viele meiner Altersgefährten sind tot, andere schweigen", heißt es. Was Loest nicht sagt, daß er sich mit den meisten aus politischen Gründen überworfen hat. So bleibt ihm die zweite oder dritte Garnitur, wie Roland Erb oder Manfred Jendryschik, Regine Möbius oder Freya Klier. Volker Braun nennt er "die letzte ehrliche rote Haut unter den Dichtern". Das mag noch witzig sein, weniger schön dagegen, wie er, als Christa Wolf im Dezember 2011 stirbt, noch einmal bis über den Tod hinaus mit ihr abrechnet. Weil der Dresdner Lyriker Durs Grünbein in jungen Jahren den Büchnerpreis bekommen hat, Loest aber nie, wird geurteilt: "Man darf diese Auszeichnung somit als weniger wichtig einstufen." Dann wieder hält er fest: "In Kamenz wird der Lessingpreis verliehen. Ich hab schon mal gedacht: Der würde zu mir passen." Kleine Fehler hätte spätestens das Lektorat ausmerzen müssen. Dresden bezeichnet Loest als "Tal der Gottlosen". War es nicht als "Tal der Ahnungslosen" bekannt? Von Hölderlin wird behauptet, er sei nie in Thüringen gewesen, war aber in Waltershausen Haushofmeister bei Charlotte von Kalb. Das Bonmot "Altwerden ist nichts für Feiglinge" ist in den Text eingewebt, als sei es Loests Erfindung, soll aber von Goethes Leibarzt Hufeland stammen. Inkonsequent erscheint es, wenn Loest jetzt wieder in jenem Verlag erscheint, mit dem er nie wieder etwas zu tun haben wollte, weil dessen einstiger Verleger Eberhard Günther ihm "unendlichen Ärger" bereitet habe. Unpassend bis peinlich sind zum Teil die in das Buch aufgenommenen Fotos. Auf einige Bilder, die Loest wiederholt Orden behangen und Frackfliege bestückt oder Loest gar nicht zeigen, statt seiner ganzseitig Michael Hametner, Bernd-Lutz Lange oder den Küchenchef von "Auerbachs Keller", hätte getrost verzichtet werden können.
Das letzte Tagebuch von Erich Loest, ergänzt um einen persönlichen, beinahe privaten Nachtrag von Linde Rotta, offenbart in erschütternder Weise große Bitterkeit am Schluß eines Lebens, das auf  gesellschaftliche Einflußnahme ausgerichtet war, aber Vergeblichkeit zu spüren bekommt.
(Erschienen in "SAX - Das Dresdner Stadtmagazin" 07/2014)


„Lenin“ und „Biedenkopf“ gestrichen
Thomas Rosenlöcher mit alten und neuen Gedichte


Der ehemalige Kleinzschachwitz-Dichter Thomas Rosenlöcher, längst aus dem Tal ins Gebirge exiliert, ist abonniert auf Insel-Bücherei und Kompilationen. In der unter Lesern und Sammlern gleichermaßen beliebten Buchreihe erscheint unter seinem Namen mittlerweile das sechste Bändchen und beim neuen Zusammenbau alter Gedichte hat es der Autor zu wahrer Meisterschaft gebracht. Nachdem 1996 „Die Dresdner Kunstausübung“, sein letzter regulärer Band mit durchweg neuen Gedichten, erschienen war, folgten die Sammlungen „Ich sitze in Sachsen und schau in den Schnee“ (1998), „Das Flockenkarussell“ (2007) und „Poesiealbum“ (2010). Fairerweise muß die Zählung um den Titel „Am Wegrand steht Apollo“ ergänzt werden, der 2001 Rosenlöchers „Wiepersdorfer Tagebuch“ in Gedichtform präsentierte. Was der Erwähnung noch dringlicher bedarf, ist der Umstand, daß der Dichter einige Sammelbände um neue Strophen ergänzt und alte Strophen mit umgeschriebenen Versen aufbessert, ganz dem altväterlichen Slogan „Aus alt mach neu“ verpflichtet. Wer also „seinen“ Rosenlöcher kennt, kann auch mit seinem jüngsten Werk am „Hirngefunkel“ hinter der Dichterstirn teilhaben. Die jetzt vorgelegten Gedichte stammen aus dem vergangenen Vierteljahrhundert. Unter 60 Gedichten werden 20 neue präsentiert. Von den 40 bekannten hat der Dichter immerhin 30 umgedichtet. Mitunter genügte ihm die Veränderung der Interpunktion, gelegentlich läßt er aber durch Umschreibung des Schlusses ein beinahe völlig neues Gedicht entstehen. Zweimal hat er „Lenin“ gestrichen, statt dessen „Stalin“ eingesetzt. Auch tauscht er „Biedenkopf“ gegen „Bildungsminister“ und „gen Westen“ wird von „gen Deutschland“ abgelöst. Aus „ein hoher Offizier“ wird „ein Nazioffizier“ und „Mumum“ schreibt sich jetzt „Mummum“. Aber wer wird es bemerken außer einer handvoll Germanisten? Unter den Neugedichten gibt es mit „Kirschbaumengel“ nicht nur eine Fortführung der Engelsliebe, auch zeigen einige Langgedichte Thomas Rosenlöcher auf der Höhe seiner selbstironischen „Kunstausübung“. Allein die Versuche, einer Goethe-Locke in Maxen mit eigener Locke Paroli zu bieten, sich als Bergen-Enkheimer Stadtschreiber mit wohl gebauten Strophen zu verabschieden oder dem Schwiegermutter-Wunsch „Schreib mal ein Gedicht über mich“ mit den Zeilen „Bloß keinen Kerl mehr ins Haus./Am Tittisee. Allein der Name./Der ganze Bus hat gelacht“ nachzukommen, ist unnachahmlich und jeden Preis wert. Gleich ob beim Wieder- oder Neulesen, dazwischen gestreut finden sich immer wieder Verse, die unwiderstehlich sind, dann funkelt das Dichterhirn und begehrt, „Dem Tod die Arbeit schwer zu machen,/der Stern für Stern die Sterne löschen muß.“

(Erschienen in: "SAX. Das Dresdner Stadtmagazin", 12/2012)


Herzerfrischend junges Alterswerk
60 neue Gedichte vom „erdenbürger“ Wulf Kirsten


Nachdem Wulf Kirsten, geboren in Klipphausen bei Meißen, 50 Jahre hoch dotierte Dichtkunst betrieben hatte, wurde 2004 einem seiner Gedichtbände das allererste Mal ein Lesebändchen zuteil, es war grün und befand sich im über 400-Seiten-Buch „erdlebenbilder“, herausgebracht von dem inzwischen im Ruhestand weilenden Ammann Verlag zum 70. Geburtstag des Lyrikers. Jetzt ist Wulf Kirsten der Verlagswechsel derart gut gelungen, daß er zu seiner eigenen Überraschung und der seiner Leser ein Buch vorlegen kann mit 60 nagelneuen Gedichten und neuerlichem, dieses Mal blauem Lesebändchen. Wer diesen Versen abliest, Kirsten sei sich treu geblieben, trifft nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte zeigt einen Dichter, der sich neu erfunden hat. Einerseits ist da der gewohnte Landschafter, der unbeirrt pirscht durch Mulm, Dörnicht und „sömmerisch bewachsne gründe“, der unverdrossen stromert über „verstrauchte“ oder „abdächige wiesen“, über „staubichte schluchtwiesen“ oder „waldumfangene wiesenpläne“. Andererseits, und das ist neu, münden die Landschaftsworte, die eingesammelten, aufgehobenen  Wörter öfter und kräftiger als früher in heiligen Zorn. Nicht nur wohl gesetzte Metaphern als Huldigungen der Vergänglichkeit werden dargebracht, sondern auch herzhafte Schimpfkanonaden auf zeitgenössische Unsitten abgefeuert. Beißender Spott richtet sich gegen kommunale Vandalen: „kanalräumerlehre abgebrochen wegen geistiger überanstrengung … von einer veritablen ausdrucksarmut geschlagen“ und gegen Geschichtsneurotiker: „Napolensyndrom freigestellt/minderwertigkeitskomplexe kompensiert/mit dem größenwahn von maulhelden“. Sogar die Kanzlerin bekommt ihren Vers weg: „einmalig diese verlegenheits-/geste, wie sie ihre mundwinkel/so unnachahmlich gekonnt/nach unten zu korrigieren versteht“. All das gipfelt in dem Gedicht „tirade“, das zwar E.T.A. Hoffmann und Bamberg zugeschrieben ist, aber auch den Autor selbst in wohlbekannt anderer Kleinstadt einbezieht: „nichtswürdig eingeschachtelt, marterjahre/unter hundsföttischen lakaien, abgöttisch/verachtet, hofnarr in einem schmierentheater“. Überhaupt nimmt Weimar beträchtlichen Raum ein, als „stadt im kessel“ taucht sie auf mit ihren Verwerfungen und dem geschichtsbeladenen Ettersberg, der freien Bürgern heutzutage wenig bedeutet, Hauptsache ihre „kraftfahrzeuge brettern die Blutstraße lang“. Nahezu unschlagbar ist Wulf Kirsten, wenn er sich selbstironisch porträtiert als „der junge, der ich war“ und in seine dörfliche Kindheit als doppeldeutiger „erdenbürger“ zurückkehrt: „junge, was soll bloß aus dir/mal werden? linkshänder/und zu nischde geschicke … so ein schwartenheini wie du,/mit solch einem faulpelz/kann keiner was anfangen“.
Schließlich setzt der Dichter mit einem Enkelinnengedicht nicht nur jene „Oral History“ fort, die er „zaunüberwärts“ schon oft betrieben hat, sondern zeigt damit ganz plötzlich auch eine familiäre Seite, die ein wunderbares Novum im Spektrum seiner poetischen Themen darstellt. 60 neue Gedichte, die man sich scheut „Alterswerk“ zu nennen, weil sie herzerfrischend jung wirken.
(Erschienen in: "SAX. Das Dresdner Stadtmagazin", 08/2012)


Lust auf Paris
Richard Pietraß als liebender Flaneur


Es heißt, Paris sei längst tot fotografiert, von Touristen in Grund und Boden getrampelt, auch leer geschrieben und aus gedichtet. Also sind nach Baudelaire und Verlaine, nach Eluard und Aragon Gedichte über Paris heute undenkbar? Weit gefehlt! Richard Pietraß tritt leichter Hand und übervollen Herzens den Gegenbeweis an. Hatte der sächsische Lichtensteiner als Herausgeber der Poesiealbumreihe gerade noch in Heft 294 eine schöne Neunachdichtung von Apollinaires Brückengedicht geliefert: „Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine/Komm Nacht Stunde eile/Die Tage gehn ich verweile“, begibt er sich jetzt selbst neben, über und in die Seine, was sowohl Fluß als auch Geliebte meinen kann. Zwischen Februar 2009 und Mai 2011 hat Pietraß der Stadt mehrfach Besuche abgestattet. Er erweist sich als Flaneur, Genießer und Liebender, als ein poetischer Stadtbummler par excellence. Mit allen Sinnen faßt er nach dem Unfaßbaren, nach Fundstücken, die in Luft und Parks, auf Straßen, Plätzen und Tellern oder im Bett liegen. Dreiundzwanzig Gedichtperlen streut Richard Pietraß lustvoll aus, die niemals länger als acht Zeilen sind, die aber auch nie den Eindruck erwecken, es würde in ihnen etwas zu kurz kommen, und die nicht zum touristischen Nummernprogramm verkommen. Und wenn doch einmal bekannte Pariser Namen wie „Bibliothèque Nationale“, „Hôtel de Ville“ oder „Porte des Lilas“ zu Gedichttiteln und Ausflüge zu berühmten Orten wie nach Saint Denis, Giverny oder Chaumont unternommen werden, sind sie wie Türen, hinter denen sich persönliche Erinnerungen tummeln, die wenig mit den Hausnummern gemein haben. In der „Alten Oper“ (Opéra Garnier) zum Beispiel entpuppt sich auf wundersame Weise die Loge als Séparée, „Spiegel/Wiegeln und zügeln den Seitenblick“ auf ein „Schäumendes Stück!/Da Capo, Pferdchen! Die Samtvorhänge!“ All das hinterläßt eine „Leuchtspur glücklicher Momente“, wie es Pietraß im Gespräch nennt. Was den Leser mit dieser „Pariser Lust“ anweht, ist eine Melange aus Melancholie, Pathos und kindhaftem Übermut. Da wird gemaunzt und geraunzt, geschnurrt und gegurrt, es bamseln Amseln im Gebüsch und zum „Liebesmahl“ gibt es „Ochsenbäckchen in Schwanzbouillon. Stein-/Pilzpimmel von gepfefferter Karte.“ Ein Höhepunkt in mehrfachem Wortsinn ist das jüngste Gedicht der Sammlung, das als „Zugabe“ dem Buch gleich einem Lesezeichen beiliegt. Wie der Dichter darin den Besuch im Restaurant des Eiffelturms imaginiert, bei erhoffter „Haute cuisine“ in Teufelsküche gerät, ist der Geniestreich eines verhinderten Gourmets. Gelungene Leckerbissen sind in jedem Fall die bibliophile Ausgabe aus dem Warmbronner Verlag von Ulrich Keicher und ihre Zweisprachigkeit, für die der Pietraßfreund Alain Lance und die Dichtermuse Gabriele Wennemer gesorgt haben. Chapeau! Chapeau!
(Erschienen in: "Sächsische Zeitung", 07./08.04.2012)